Handbuch 5. Auflage
Beratungsforschung 167 Arbeiten von Fengler und Fengler (1980), Bittner (1981) und Wolff (1983) sind der Vorgang der „Klientifizierung / Selbstklientifizierung“ sowie solche Sozialisationsprozesse aufgedeckt worden, die Alltagshandelnde auf dem Weg zum Klienten durchlaufen. Die Einleitung von Klientenkarrieren untersuchte Gerhardt (1986); die biografische Re- konstruktion derartiger Karrieren unternahm Hil- denbrand (1989) auf der Basis struktural-herme- neutischer Datenanalyse. Die erwähnten Studien haben einerseits die kommunikative Mikrostruk- tur der Handlungssituation in derartig asym- metrischen „Face-to-Face“-Beziehungen aus der Binnenperspektive der Beteiligten rekonstruiert. Andererseits haben sie aus der Außenperspektive handlungsbeobachtend und sinnerschließend jene die konkrete Berater-Klienten-Interaktion überhaupt erst ermöglichenden und zugleich prä- formierenden Strukturierungs- und Selektionsleis- tungen der Institutionen und Sozialbürokratien zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht. Die quantifizierend angelegten Studien zur Bera- ter-Klienten-Beziehung (u. a. Knieschewski 1978) basierten auf Überlegungen, die den Berater in bürokratischen Organisationen als „Semi-Profes- sionellen“ (Toren 1972; Scott 1969) stilisieren. Dies allerdings hatte methodologisch zur Kon- sequenz, dass erstens auf die interaktive Beziehung zwischen den Beratern und ihren Adressaten in der Regel lediglich ex post und indirekt im Kon- text weitgehend standardisierter Befragungen – zumeist nur eines am kommunikativen Prozess der helfenden Dienstleistungsbeziehung Beteilig- ten, nämlich des Beraters – geschlossen werden konnte. Die qualitativen Studien konnten sich demgegen- über auf einen Theorie- und Forschungsansatz be- ziehen, der geeignet ist, die Mikrostruktur profes- sioneller und alltäglicher Kommunikation und die hier wirksamen differenten Wissens- und Hand- lungsstrukturen zu rekonstruieren (Berger / Luck- mann 1969; Bergmann 1980; Ferchhoff 1986). Gegenüber verkürzten macht- oder bürokratie- theoretischen Betrachtungen (vgl. die Kritik bei Dewe /Wohlfahrt 1989) können hier die Struktur- probleme des Interaktionsprozesses zwischen Bera- tern und Klienten besonders mit Hilfe eines wis- senssoziologischen Erklärungsmodells (Schütz 1971; Baumgartner 2000) sachhaltiger erforscht werden. Aktuelle Themen der Beratungsforschung Die sich weiter ausdifferenzierende Beratungsbran- che, in der Berater- und Klienten-Netzwerke, Me- taberatung mit intermediären Vermittlungs- und Bildungsfunktionen und das fachwissenschaftliche „Consulting“ (Birke /Howaldt /Mohe 2006) wie auch das psycho-sozial basierte „Counseling“ (Rie- mann et al. 2000) anwendungsorientierter Sozial- wissenschaften an Bedeutung gewinnen, bietet Anlass, in Beratungsforschung zukünftig weiter zu investieren. Beratungsforschung sieht sich dabei mit dem Faktum konfrontiert, dass sich heute in- stitutionalisierte Beratung als Wachstumsbran- che – auch für Sozialarbeit / Sozialpädagogik – in einem weiten Spektrum von Technologietransfer über Erziehungs-, Berufs- und Personal- sowie Or- ganisationsberatung (u. a. Springer 1997; v. Ale- mann /Vogel 1996; Resch 2005) und die Super- vision professionellen Handelns bis hin zur Krisenberatung in Sinnfragen moderner Lebens- führung beobachten lässt (u. a. Bergmann et al. 1998; Bora 2007). Stets geht es dabei um die Transformation von Deutungsmustern. Unvermeidbar kommt es mit der Intervention des Beraters zur Konstitution kommunikativer Felder der Interaktion und der Interferenz, also des Austauschs und der Über- schneidung von Bewertungsgrundlagen, Erwar- tungsrahmen und Sinnhorizonten. Allemal geht es in Beratungsvorgängen um die Bearbeitung der In- kongruenz der Perspektiven: Permanent stellt sich ein Reasymmetrisierungsproblem (Fuchs 2004) ein, welches dadurch zum Ausdruck kommt, dass die (ausschließlich) kommunikativ etablierte Be- obachtungsasymmetrie zwischen Berater und Rat- suchendem aufrecht erhalten bzw. wieder her- gestellt werden muss. „Was vom Berater erwartet wird, ist die Kompetenz, zu sehen, was der Bera- tende nicht sieht“ (Fuchs 1992, 3). Beratung ist ein Kommunikationsprozess, „[…] der die ‚Kopf- inhalte‘ [der Beteiligten, d.V.] genau nicht nutzen kann, obgleich eben dies uns durch unsere Alltags- evidenzen vorgegaukelt wird“ (3), weil der Berater als jemand, der einen anderen beim Beobachten beobachtet, „[…] ihn also gewissermaßen beim Er- rechnen seiner Realität und ihrer konstitutiven blinden Flecken ertappen muss“ (3), nur aufgrund der Problemkommunikation des Ratsuchenden
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