Handbuch 5. Auflage

Sozialwirtschaft 1661 identifizierten Problemen selbst (mit)entwickeln. Die Theorie der Sozialwirtschaft steht damit vor der Aufgabe, „den Transformationsprozess aufzuar- beiten, in dem sich die Versorgung von Menschen und ihre Selbstsorge in der fortschreitenden Mo- dernisierung befinden“ (Wendt 2008c, 1022). Die verschiedenen, bislang vorgestellten Theorieper- spektiven sind vielfältig miteinander verknüpft und nicht immer trennscharf zu unterscheiden. Ein wichtiges Merkmal der Sozialwirtschaft, das in den verschiedenen Theorielinien sichtbar ist, besteht darin, dass „in Theorie wie in Praxis das Soziale nicht immer ‚un-ökonomisch‘ sein muss und das Ökonomische nicht ‚un-sozial‘“ (Pankoke 2008, 433). Deutlich wurde zudem, dass die Thematik der Sozialwirtschaft nur inter- und transdisziplinär sinnvoll zu bearbeiten ist. Hier wäre zudem eine Intensivierung des Austauschs zwischen den beste- henden Einzeldiskursen sinnvoll, die teilweise von unterschiedlichen Disziplinen und Terminologien geprägt werden. Hier gibt es klare Parallelen zur Sozialmanagementdebatte, die ebenfalls mitunter in verschiedene Diskurslinien zu zerfallen droht (Grunwald 2009a). Ökonomische Rationalität(en) in sozialwirtschaftlichen Unternehmen Ein zentrales Thema des Sozialwirtschaftsdiskurses ist markiert durch die Frage, an welchen Kriterien ökonomischer Rationalität sich die Sozialwirtschaft und die darin auf den Weg gebrachte Wertschöp- fung auszurichten haben. In diesem Zusammen- hang sind die Maßstäbe der Effektivität und Effi- zienz kritisch zu reflektieren und zu konkretisieren (Halfar 2009, 479 ff.; Merchel 2008, 855 f.; Grun- wald / Steinbacher 2007, 45 ff.). Dahinter steht aber die Frage, was unter „ökonomischer Rationa- lität“ vor allem, aber nicht nur in denjenigen Un- ternehmen der Sozialwirtschaft zu verstehen ist, die dem Dritten Sektor angehören. Zunächst gilt für den sozialwirtschaftlichen Um- wandlungs- und Produktionsprozess – wie für alles wirtschaftliche Handeln – das ökonomische oder Ra- tionalprinzip (Finis Siegler 2009, 91 ff.). Es fordert, ein bestimmtes Ergebnis mit dem Einsatz mög- lichst geringer Mittel zu erreichen: Entweder soll mit einem gegebenen Aufwand an Produktionsfak- toren der größtmögliche Güterertrag erzielt werden oder ein gegebener Güterertrag mit einem mög- lichst geringen Einsatz von Produktionsfaktoren erwirtschaftet werden. Zu dieser zweckrationalen Bestimmung eines rationalen Verhaltens von Un- ternehmen als Streben nach größtmöglicher Zweckerfüllung bei geringstmöglichem Mittelein- satz kommt in der klassischen Betriebswirtschafts- lehre eine systemrationale Bestimmung hinzu als Bemühen, das eigene System in einer sich wan- delnden und zunehmend komplexeren Umwelt zu erhalten durch eine Reduktion der äußeren Kom- plexität auf ein verarbeitbares Maß. Bereits von Burla wurde darauf verwiesen, dass ein ökonomisch rationales Verhalten gerade in Non-Pro- fit-Organisationen sich nicht auf diese beiden Kate- gorien beschränken darf, sondern erweitert werden muss in Bezug auf ein Zusammenspiel von vier verschiedenen, jedoch eng miteinander verbunde- nen Ausformungen einer weit verstandenen öko- nomischen Rationalität: Effektivität (Wirksamkeit) und Effizienz (Wirtschaftlichkeit) müssen spezi- fisch konturiert und ergänzt werden durch politi- sche und soziokulturelle Rationalität. Diese vier Spielarten von ökonomischer Rationalität wurden für Non-Profit-Organisationen formuliert, sind aber grundsätzlich auch auf Profit-Organisationen übertragbar (Burla 1989; Grunwald 2001, 51 ff.). Effektivität im Sinne fachlicher Wirksamkeit wird in Non-Profit-Organisationen angesichts der man- gelnden gewinnbezogenen Marktrückmeldung und der Existenz nichtschlüssiger Tauschbeziehun- gen zu einer relativen Größe, deren Bewertungs- maßstab zwischen den verschiedenen Anspruchs- gruppen häufig differiert, insofern auszuhandeln ist und stark von organisationsinternen Machtkon- stellationen abhängt. Effizienz im Sinne wirtschaftlicher Rationali- tät – eigentlich als „ökonomisches Prinzip“ das zentrale Formalziel eines gewinnorientierten Un- ternehmens – erweist sich in Non-Profit-Organisa- tionen angesichts des häufigen Fehlens von Markt- preisen und offiziell ausweisbaren Gewinnen ebenfalls als problematischer Maßstab, zumal die diesbezüglichen Anspruchsniveaus und Maßstäbe, welche unterschiedliche Stakeholder formulieren, häufig deutlich auseinandergehen und vom Ma- nagement in ihrer Unterschiedlichkeit berücksich- tigt werden müssen. Grundsätzlich stellt das öko- nomische Prinzip ein rein formales Prinzip dar, das

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