Handbuch 5. Auflage

Sozialwirtschaft 1665 Die freigemeinnützige Wohlfahrtspflege war seit Ende der 1980er Jahre Gegenstand einer gravieren- den betriebswirtschaftlichen Modernisierung . Fest- zustellen ist eine „eindimensionale Transformation zu Dienstleistungsunternehmen“ sowie eine Ero- sion zunächst der assoziativen, dann zunehmend auch sozialpolitischen Funktion, die sich unter anderem in Ausgründungen von Einrichtungen und deren Teilen, in einer „Trennung von Betrieb und Verband“, in Fusionen einzelner Einrichtun- gen sowie in der Implementierung und Optimie- rung von betriebswirtschaftlichen Denkweisen und Verfahren, z. B. bezogen auf Controlling, Quali- tätsmanagement und Corporate Governance, zeigt (Backhaus-Maul 2009, 79). Der Sozialstaat wird immer mehr zum Gewährleistungsträger, der die Wohlfahrtsverbände als reine Leistungsträger de- finiert und dominiert. Dabei gerät die Multifunk- tionalität der Wohlfahrtsverbände zunehmend unter Druck, zumindest aber wandelt sich diese deutlich. Eine Modernisierung der Wohlfahrtsverbände sollte sich aber nicht nur auf die unternehmerische, sondern auch auf die politische und assoziative Funktion beziehen – alle drei Stränge der Multi- funktionalität sind für eine umfassende, nicht ein- seitig auf betriebswirtschaftliche Rationalisierung begrenzte Modernisierung wichtig (Steinbacher 2004, 26 ff.). Die „verbandliche Grundsatzfrage nach dem eigenständigen bzw. originären Sinn und Zweck Freier Wohlfahrtspflege“ wird angesichts der betriebswirtschaftlichen Modernisierung der- selben zu einer zunehmend drängenden, sozial- und gesellschaftspolitisch höchst relevanten Fra- gestellung (Backhaus-Maul 2009, 79). Fazit Die Sozialwirtschaft muss sich aktuell unterschied- lichsten Herausforderungen stellen. Zu diesen gehö- ren das „europäische Wettbewerbs-, Vergabe- und Beihilferecht“, Veränderungen der „nationalen Steuerungsmechanismen“ und die „komplexen Stakeholder-Konstellationen“ (Schulz-Nieswandt 2009, 89), aber auch eine fortschreitende Moder- nisierung der Gesellschaft sowie Finanz- und Wirt- schaftskrisen. Sie geben den Rahmen vor (oder beeinflussen ihn zumindest nachdrücklich) für die weiteren Entwicklungen der Sozialwirtschaft. Ent- scheidend dabei ist aber auch, wie und vor welchem Hintergrund die unterschiedlichen sozialwirt- schaftlichen Akteure diese Herausforderungen wahrnehmen, interpretieren und normativ beur- teilen. In Bezug auf die Ökonomisierung nicht nur der Gesellschaft und der Ökonomie (Schimank /Volk- mann 2008, 382 ff.), sondern auch der Sozialen Arbeit ist zu warnen vor einer undifferenzierten Gleichsetzung von Ökonomisierung als Prozess und „Ökonomismus“ als „unzweckmäßige Dominanz der ökonomischen Effizienzorientierung“, die fachliche Arbeit fremdbestimmt (Schulz-Nies- wandt 2009, 89). Der Kampf gegen einen in der Praxis durchaus zu beobachtenden Ökonomismus sollte nicht zu einer grundlegenden und unreflek- tierten Ablehnung und Negierung jeder Form der Ökonomisierung führen, zumal bei einer solchen häufig von einem sehr verkürzten Verständnis von Ökonomie und Sozialwirtschaft ausgegangen wird. Zu fragen ist vielmehr, wie „das kulturgeschichtlich überkommene Dispositiv des fürsorglichen Handelns im Programmcode jüdisch-christ- licher Liebesethik, das den Habitus der Professionen und ihre institutionellen Praxisformen nach wie vor tiefen- grammatisch prägt, als organisierte, als auch sozialwirt- schaftlich implementierte Sorgearbeit in einem wett- bewerblichen Umfeld modernisiert werden“ kann, ohne – wie hinzuzufügen ist – dass diese bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird (Schulz-Nies- wandt 2009, 90). Nötig ist hier eine kritische und selbstbewusste Aus- einandersetzung mit dem Prozess der Ökonomisie- rung , die immer wieder neu prüft, auf welcher Stufe der Ökonomisierung (Schimank /Volkmann 2008, 385 ff.) dieser Prozess konkret angekommen ist sowie inwieweit durch die Einführung und Durchsetzung managerieller Strategien die sozial- arbeiterische Professionalität entwertet wird (Beck- mann et al. 2009). Nötig ist vor allem eine klare Positionierung gegenüber dem am Ende der Stufen- skala der Ökonomisierung zu verortenden Öko- nomismus : „Die Marktgängigkeit wird hier zur obersten Prämisse, Gewinnmaximierung ist ‚Muss-Erwartung‘ und teilsyste- mische Autonomie nicht länger gegeben. Die Ökonomi- sierung ist zu einer vollendeten ‚feindlichen Übernahme‘ vorangeschritten“ (Schimank /Volkmann 2008, 386).

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