Handbuch 5. Auflage
168 Dewe Vorschläge unterbreiten kann und nicht über des- sen psychische Problemrepräsentation verfügt. Inwieweit das Format beratender Kommunikation über eine spezifische Struktur und eigene Hand- lungslogik verfügt, die eben dieser – und keiner anderen – kommunikativen Gattung (Luckmann 1986) eigen ist, ist in diesem Zusammenhang eine relevante Frage empirischer Beratungsforschung, da kommunikative Gattungen als „historisch und kulturell spezifische gesellschaftlich verfestigte und formalisierte Lösungen kommunikativer Pro- bleme“ (256) wirksam sind. Dabei geht es auch um die Rekonstruktion einer regulativen Idee von Be- ratung und um die Frage, inwieweit Sozialpädago- gik / Sozialarbeit mit ihr relationiert werden kann. Eine empirische Analyse der Logik der gegenwärti- gen Beratungspraxis erscheint dringend notwendig, berücksichtigt man beispielsweise, „[…] dass mithilfe von Verfahren der qualitativen Sozial- forschung erst einmal zum Analysegegenstand wird, wie die Gesprächspartner ihre Beratungsinteraktion in unter- schiedlichen praktischen Zusammenhängen überhaupt Schritt für Schritt zustande bringen – aber auch, was da- bei schief gehen kann –, und wie das, was geschieht, von unterschiedlichen Rahmenbedingungen geprägt wird, ohne dass dem die Beteiligten in ihren Routinepraktiken oft Beachtung schenken würden oder schenken könnten“ (Riemann et al. 2000, 220). Unter diesem Anspruch steht heute empirische Be- ratungsforschung. Grundsätzlich kann davon aus- gegangen werden, dass Beratung als institutionali- sierte Form hilfreicher Kommunikation (Dietrich 1983; Hitzler et al. 1994) in modernen Gesellschaf- ten ein Entwicklungselement sozialen Wandels so- wie der individuellen Biografie- und Identitäts- gestaltung zugleich darstellt. Beratung zählt neben institutionalisierter Bildung/Erziehung und Thera- pie zu den zentralen Interventionsformen im pri- vaten und beruflichen Alltagsleben von Jugend- lichen und Erwachsenen. Diese institutionalisierten Interaktionsweisen lassen sich als die grundlegenden Formen der Lebens- und Entwicklungshilfe bezeich- nen, die heute ihren festen gesellschaftlichen Platz gefunden haben (Dewe 2001, 412; Ruschmann 1999). Für die Beratung (wie auch für die beiden anderen Interventionsformen) gilt, dass sie im Sinne eines Moratoriums eine mehr oder weniger intensive Unterbrechung des Handlungs- und Entscheidungs- flusses im Alltag gesellschaftlicher Akteure bedingen bzw. ermöglichen und eine Prolongierung der Pro- blembehandlung mit sich bringen. „Eine Beratung in praktischen, also in Lebens-Fragen kann es […] im Prozess des Handelns nicht geben, da das (gute) Handeln kein Ziel außerhalb seiner selbst hat, son- dern selbst das Ziel ist. Dem Handeln geht der Pro- zess der Beratung […] voraus“ (Barlage 1998, 30). Dieser lässt sich über jeweils unterschiedliche An- lässe, Kommunikationsstrukturen, Aufgaben, Ziele, Instanzen und Teilnehmerbefindlichkeiten differen- zieren. Wissenstransformation, Kompetenzentwick- lung, Reflexion/Selbstreflexion, aber auch die Selektion und soziale Kontrolle und damit verbun- dene Vermittlungsleistungen stellen für beratendes Handeln eine zentrale Aufgabe dar. Beratung konzentriert sich – typisierend aus- gedrückt – auf das situationsbezogene Wissen. Der Klient, der eine Beratung aufsucht, oder dem eine Beratung im Zuge der sozialstaatlichen Vorsorge aufgenötigt wird, hat ein konkretes Problem, vor dessen Lösung seine lebenspraktischen Fähigkeiten versagen oder versagt haben. Ziel der Beratung ist die Lösung bzw. gelegentlich auch die bloße „Ver- zeitlichung“ oder „Verschiebung“ des konkreten Problems / Falles, womit der Vorgang als beendet anzusehen wäre. Beratung ist ähnlich wie Erwach- senenbildung eine gesellschaftlich bereitgestellte „Antwort auf die Kopplungsprobleme, welche im Verhältnis Individuum/Kommunikation entste- hen können“ (Uecker /Krebs 2004, 376), wobei die Probleme sowohl durch das Individuum selbst wie auch durch die Folgen funktionaler Differen- zierung der Gesellschaft evoziert werden. Die Chance von Beratung liegt darin, dass Dauerunsi- cherheiten, mit denen die Individuen konfrontiert sind (neuer Job, neue Wohnung, Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote etc.) befristet unterlaufen werden können. Moderne Beratungsforschung untersucht deshalb neben eher klassischen Feldern wie Institutionen- und Organisationsberatung (u. a. Degele et al. 2001) neuerdings zunehmend Beratungsphäno- mene im privaten und – vor allen Dingen – im beruflichen Alltag. Diese Entwicklung greift nicht zufällig um sich. Führt man sich die Grenzen einer primär medial vermittelten Kommunikation und Aufklärung von praktischen Handlungsproblemen im beruflichen und privaten Alltagsleben mittels wissenschaftlicher Publikationen und Ratgeber-
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