Handbuch 5. Auflage
Spiel 1671 Friedrich Schiller ■ ■ verfasste 1793–1795 seine epo- chalen „Briefe zur Ästhetischen Erziehung des Menschen“, in denen das wohl berühmteste und weitreichendste Zitat zur Bildungsbedeutung von Spieltrieb und Spielkultur enthalten ist, von Hui- zinga 1938 auch in einer Fußnote erwähnt, aktuell immer wieder neu zitiert und kommentiert: „Denn der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, und er spielt nur da, wo er ganz Mensch ist“ (Schil- ler 2000, 62). Schiller verknüpft dabei explizit Spiel mit Kunst und Ästhetik. Er betont positiv die Zweckfreiheit und Formqualität des Spiels und ge- nerell der Künste als „schöner Schein“. Hierbei or- tet er den Reichtum unabschließbarer Spielkultu- ren als qualifizierenden, nach Freiheitserfahrungen drängenden Formtrieb, der vom „Reich der Not- wendigkeiten“ in das „Reich der Möglichkeiten“ führt. Es geht um Chancen und Potenziale von äs- thetischer, also zwischen Sinn und Sinnlichkeit, Wahrnehmung, Anschauung sowie Erkenntnis und moralisch-ethische Ziele vermittelnder „Höherbil- dung“, eben als Ideal aller ästhetischen Erziehung mit Konsequenzen. Das Ziel ist Entwicklung und Nutzung von Vorstellungskraft, Imagination, sym- bolischem Entwerfen und Planen als Vorschuss zu und Kraft von Freiheiten – eben in Spiel und Kunst angelegt und ermöglicht, dann handelnd auf die Wirklichkeit zu übertragen. Rainer Treptow verweist in seiner Beschäftigung mit „Kultur und Soziale Arbeit“ genau auf diesen ästhetischen Kontext, Schiller zitierend: Es geht um „Darstellungsformen des Sozialen“ als Chance für „sozialpädagogische Struktur- und Prozessflexi- bilität“ (Treptow 2001, 14). Dies gilt prinzipiell für alle symbolischen Kunst- und Kulturformen, Spiel eingeschlossen. Diese anthropologische Interpretation des Spiels als Urphänomen des Lebens ist auch „im Sinne Goethes zu verstehen, der dann die ursprüngliche Einheit in der Mannigfaltigkeit des Seienden be- zeichnet“ (Röhrs 1981, 3) mit der Funktion der „Infragestellung der Alltäglichkeit durch spieleri- sche Selbstdistanz“ (Röhrs 1981, 17) als individu- elles und flexibel imaginierbares Projektionsfeld des Selbst in seiner sozialkulturellen Welt. Das Spiel verstehen und damit auch seine soziale Funktion bzw. Anwendbarkeit bildend einschätzen und nutzen zu können, bedeutet, dessen Phäno- menvielfalt zu erkennen, zu akzeptieren und dann auf z. B. kultur- und sozialpädagogische Hand- lungsfelder zu projizieren. Es geht dann um die „Grammatik des Spiels“ (Schäfer 1986) entspre- chend Strukturen, Funktionen, Wirkungen insbe- sondere aus unterschiedlichen Wissenschafts- und Forschungssegmenten im Rahmen spieltheoreti- scher Kategorisierungen und Zugangsweisen sowie spezifischen Nutzungsinteressen: Von Entwick- lungspsychologie über Sozial- und Erziehungswis- senschaften bis Ökonomie und militärisch-strate- gische Spieltheorien. Spiel in Theorie und Praxis Spieltheorien sind in der Regel Entwürfe und Ka- tegorisierungen von Akzenten und phänomenolo- gischen Beobachtungen mit je unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und Sichtweisen. Eine kon- tingente allgemeine Definition existiert nicht bzw. müsste immer wieder reformuliert werden. Als Er- klärungssubstanzen dienen einerseits empirische Befunde und andrerseits passfähige andere Theo- riefelder, wie z. B. Entwicklungs- und Sozialisati- onstheorien für die gemeinschaftsbildende Integra- tion und gezielte Kultivierung etwa von Kindern und Jugendlichen, oder Kunst- und Kreativitäts- theorien zugunsten von Innovation und Imagina- tion, jeweils dann auch in Anteilen und Akzenten zugunsten von emotionaler Intelligenz, kognitiv- logischen Operationen, sozialem Verhalten, explo- rativem Gestalten, imaginativen Experimenten (Sutton-Smith 1978). Exemplarisch sei die kategoriale „Wesensbestim- mung des Spiels“ in je anteilig miteinander ver- bundenen Momenten, von Hans Scheuerl (erstmals 1952) genannt entsprechend seiner Durchmuste- rung unterschiedlicher Spieltheorien auf der Suche nach dem „So-sein“ des Spiels, seiner spezifischen Formqualitäten jenseits spezifischer Funktionen, Inhalte und Wirkungsvermutungen (Scheuerl 1990, Bd. 1, 102): das Moment der Freiheit, ■ ■ das Moment der inneren Unendlichkeit, ■ ■ das Moment der Scheinhaftigkeit, ■ ■ das Moment der Ambivalenz, ■ ■ das Moment der Geschlossenheit, ■ ■ das Moment der Gegenwärtigkeit. ■ ■
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