Handbuch 5. Auflage
1672 Zacharias Weitere theoretische Ansätze, je spezifischen Auto- ren und Kontexten zuzuordnen, sind: Theorie des Kräfteüberschusses, Einübungstheorie, Triebtheo rie, Funktionstheorie, Erholungstheorie, Theorie der Ich-Ausdehnung und Identitätsarbeit, Theo- rie der sozialen Anpassung, Theorie der Scheinbe- friedigung, Theorie des explorativen Experiments, Theorie der Analogie zur Kunst und Ästhetik, psychoanalytische Theorien, selbstbildende Lern- und Motivationstheorien, neurobiologische Theorieansätze sowie symbolische Modellerpro- bung. Von besonderer Bedeutung insbesondere als Chance sozialen Lernens und mit dem Akzent Kinderspiel ist die Entwicklungspsychologie (Oerter 1993, 21). Als drei Merkmale werden hier aufgeführt: Selbstzweck des Spiels (Handlung als Selbstzweck), ■ ■ Wechsel des Realitätsbezugs (Eingebildete Situa- ■ ■ tion), Wiederholung und Ritual (Regeln und Übung). ■ ■ Es werden weiterhin drei psychologische Theorie- bezüge mit Funktions- und Wirkungshinweisen genannt: Wunscherfüllung und Katharsis als lustvolle Aktivi- ■ ■ tät (Freud, Erikson), Realisation unrealisierbarer, illusionärer Wünsche ■ ■ (Wygotski), Assimilation als Gegenwehr durch Symbolisierun- ■ ■ gen und Fiktionen (Piaget). Als Spielformen im Entwicklungsverlauf werden genannt: Sensomotorisches Spiel, Konstruktions- spiel und Explorationsverhalten, Als-ob-Spiel (Symbol- und Fiktionsspiele), Rollenspiele, Regel- spiele. Die besondere sowohl soziale wie kulturelle Ent- wicklungsqualität ist das Transformationspotenzial von gegebenen Realitäten durch das Spiel, des Spielens und der Spiele, verbunden mit der Chance zum Realitätswechsel zugunsten von Identitätsent- wicklung (Oerter /Montada 2002, 221) durch Symbolbildung und Symbolgebrauch mit anthro- pologischer Bildungsbedeutung von Alltagsbewäl- tigung bis zur kreativen Gestaltung. Hier trifft sich spieltheoretisch Entwicklungspsychologie mit kul- turell-ästhetischen Kreativitäts- und Imaginations- theorien (Winnicott 1973) zugunsten von Identi- tätsbildung entsprechend der Vermittlung und Spannung der inneren und äußeren Welt, Ich und Nicht-Ich im intermediären Raum des Spiels und seiner Konstrukte. Angelehnt anTheoriefiguren des Konstruktivismus (Göhlich et al. 2007, 10) sind Spielkonstrukte in- terpretierbar als Eigengestaltung bzw. freiwilliger Teilnahme von Handlungsrahmen und Weltinter- pretationen, sozusagen in eigener Regie und im Konsens mit anderen: „Spielkonstrukte mit deutlicher symbolischer Orientie- rung ermöglichen gefahrloses Ausprobieren von unbe- kannten Situationen, attraktiven Rollen und verbotenen Verhaltensweisen. Sie bieten die Chance, sich von einer Situationsgebundenheit zu lösen und neue Schemata probeweise zu entwickeln.“ (Fritz 2004, 55) Dies ist der kulturelle und soziale Mehrwert des Spiels als Praxis, Formenqualität und Verhaltens- disposition, z. B. als Spielkultur und dann auch als gestaltete Spielumwelten, gelebte Spielzeiten, als Spielanimation und Spielpädagogik mit der Ak- zeptanz von „Ungewissheit“ (Caillois 1960), „Dis- krepanzerlebnissen“ (Heckhausen 1973), einer „Bipolarität“ des Spiels (Sutton-Smith 1978) sowie des kreativen „Flow“ (Csikszentmihalyi 1997) z. B. im Sport und in den Bewegungskünsten. Entsprechend dieses weiten Verständnisses von Theorie und Praxis zur Phänomenologie des Spiels lassen sich dessen je anthropologische und pädago- gisch-soziale Dimensionen auch aufeinander bezie- hen (Bilstein et al. 2005). Kinderspiel und Spielumwelten Nach 2000 und im Horizont eines sehr weiten Diskurses des Zusammenhangs von Kultur und Bildung, auch als Spielen und Lernen im Verbund und im Feld Kultureller Bildung heißt es: „Von Anfang an und lebenslang“ Das gilt insbesondere für Spiel, der ersten Kulturform des Menschen von Geburt an. „Warum spielt der Mensch? Offenbar treibt ihn etwas dazu, es macht Spaß und hält ihn in Gang; es sättigt ihn und lässt ihn doch immer wieder neue Spiele suchen.“ (z. B. Flitner 1973, 9) Besondere und kultur- sowie entwicklungspsycho- logisch und erziehungswissenschaftlich akzentu- ierte Aufmerksamkeit hat konsequenterweise Spiel
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