Handbuch 5. Auflage

Spiel 1675 durch die dominante Instrumentalisierung des Spiels für Ziele und Leistungen außerhalb des Spiels und seiner immanenten Logik sowie Freiheit bzw. Freiwilligkeit. Das heißt aber nicht, dass Spiel- methodik nicht auch für externe Lernverläufe ein- gesetzt werden kann: Bewegung, Sprachenlernen, Mathematik, Medienkompetenzen usw. Aber die verkürzte, auch behavioristisch-biologisti- sche Curricuralisierung und lerntheoretische Tech- nologisierung bzw. Funktionalisierung des Spiels wird der Eigenart und der anthropologischen Di- mension des Spielens als selbstbildendes „Leben- lernen“ nicht angemessen gerecht, etwa in der Va- riante der Verschulung und Zielfixierung. Soziales und identitätsstiftendes Lernen im Spiel: Spiel in der Sozial- und Jugendarbeit „Leben lernen“ als ein Leitbild der Jugend- und Sozialarbeit und für kinder- und jugendkulturelle Aktivitäten verweist darauf, dass Spiel dafür einen wichtigen Beitrag leisten kann und muss. Dies rechtfertigt auch den Bedarf an erweiterter Auf- merksamkeit und den bildenden Möglichkeiten des Spiels in der Sozialpädagogik und Sozialen Ar- beit und ihrer Handlungsfelder. Im Prinzip besteht darüber Einigkeit, insbesondere dann, wenn es um folgende Kontexte geht: Ausbildung sozialer Kompetenz, vor allem in den ■ ■ informellen Settings von Spielsituationen, etwa im Gruppenspiel und bei kreativen Spielkonstrukten (Fritz 2004) zugunsten von Entwicklungsschritten, wie es eine „Psychologie des Spiels“ betont und nachweist (Oerter 1993). Sozialisierende Identitätsbildung und Interaktions- ■ ■ prozesse finden im Spiel und in subjektiv differen- zierten Formen statt: „In Interaktionsprozessen, die… oft verwirrende und auch leid- und risiko- volle Anforderungen an das Kind stellen und ihm belastende und reizvolle Gelegenheiten zugleich eröffnen, Stellung zu beziehen, Bedingungen der Mitwirkung zu erkunden und seinen Beitrag zum Regelkonsens und zur Sinnfindung zu erproben, entstehen die grundlegenden Kompetenzen, die das sozialisierte und zugleich zur Behauptung von Identität fähige Subjekt auszeichnet.“ (Krappmann 1983, 110) Das leistet Spiel, mit und ohne sozial- / kul- tur- / spielpädagogische Inszenierungen: Spiel eignet sich zur entspannt-entkrampften Be- ■ ■ schäftigung und Thematisierung von sowohl inter- kulturellen wie intergenerativen Fragen und Kon- taktchancen, etwa im handlungsorientierten Austausch, im Kennenlernen jeweils spezifischer Spielformen unterschiedlicher Kulturkreise und Ge- nerationen. Als besondere psychologisch-psychoanalytisches ■ ■ Verfahren haben sich Spieldiagnose (als Analyse) und Spieltherapie (als Heilung) entwickelt (Anna Freud u.a.) und bewährt, sowohl zur Ausdeutung unbewusster Belastungen und Probleme wie zu heilend-entspannender Therapie auch im Umgang mit Natur, Materialien, Tieren, Mitspielern. Hierbei wird Spiel als eine nondirektive, mittelbare, vor al- lem bei Kindern angemessene Methode ange- wandt. Dies gilt vor allem in heil- und sonderpäd­ agogischen Kontexten und mit kompensatorischen Funktionen und stabilisierenden Entlastungen, z.B. gegen depressive oder aggressive Veranlagungen sowie auch als Suchtprävention bzw. deren Thera- pierung und als symbolisches Konfliktlösungsver- fahren etwa in familiären, schulischen und berufli- chen Spannungssituationen. Spielpraxis Einen Projekte- und Praxisüberblick über mobile, animative und flexible Spielformen in spielplaneri- schen und spielpädagogischen Kontexten, auch zwischen „Sinne&Cyber“ nach 2000 zeigt die Vielfalt der Formen im Kontext von Kinder- und Jugendkulturarbeit und Spielpädagogik (Grüneisl et al. 2001). Bundesweite spielpädagogische Fort- bildungen bietet die Akademie Remscheid (www. akademieremscheid.de ), als Fachzeitschrift emp- fiehlt sich „Gruppe&Spiel“ (Kallmeyer). Da, wo Soziale Arbeit, Sozialpädgogik und Jugend- hilfe subjektorientierte und identitätsstiftende Bil- dungsprozesse und Kompetenzentwicklungen ini- tiieren und qualifizieren will, ist sie gut beraten, die Potenziale und Formenvielfalt des Spiels zu nutzen mit dem nicht zu überschätzenden Mehrwert, dass hier der ganze, der leibliche und geistige Mensch in seiner emotionalen, produktiven und reflexiven Ver- fasstheit einbezogen ist.

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