Handbuch 5. Auflage
1678 Sport aus sozialpädagogischer Perspektive Von Hartmut Gabler Dem Sport werden eine Vielzahl von Funktionen zugeschrieben, die dem Individuum zugute kom- men sollen: Er fördere die Gesundheit und diene dem Abbau von Spannungen und Stress. Er unter- stütze das soziale Miteinander und führe zu festen sozialen Bindungen. Er diene dem sozialen Lernen und fördere die Entwicklung einer stabilen Persön- lichkeit. Solche Erwartungen bestimmen eine große Anzahl sportpädagogischer Konzepte, insbesondere im Blick auf die Begründungen und Zielsetzungen des Schulsports. Weniger intensiv hat sich die Sport- pädagogik dagegen mit jungen Menschen außer- halb der Schule befasst. Dies gilt sowohl für die Ju- gendarbeit in den Sportvereinen als auch (und insbesondere) für die Frage, welche pädagogische Bedeutung der Sport im Rahmen der Jugendsozial- arbeit haben kann. Diese Vernachlässigung ist vor allem deshalb erstaunlich, weil das Jugendalter als Abschnitt gesteigerter Identitätssuche anzusehen ist und hierbei der Körper sowie die (sportliche) Bewe- gung von zentraler Bedeutung sind. Vor allem in den Peergruppen männlicher Jugendlicher spielen sportliche Erscheinung, sportliches Können und sportlicher Lebensstil eine bedeutende Rolle. Sozialpädagogische Aspekte des Sports zielen des- halb auf die Frage nach der Sozialisation „in“ und „durch“ den Sport, d. h. darauf, inwieweit junge Menschen (und in diesem Zusammenhang vor al- lem sozial auffällige und benachteiligte Jugend- liche) den Kontakt zum Sport finden und inwie- weit sie in ihn involviert werden bzw. von einer Sportbeteiligung abgehalten werden. Werden sie eingebunden in den Sport, dann interessiert die Frage nach den Sozialisationseffekten, d. h. nach den Auswirkungen des Sportengagements auf die „allgemeine“ Persönlichkeitsentwicklung: Welche Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse und Wert- vorstellungen werden über das Sportengagement vermittelt und kommen eventuell (im Sinne einer Transferwirkung) auch in anderen Lebensbereichen zum Tragen? Wenn vom „Sport“ die Rede ist, dann werden Ak- tivitäten gemeint, die mit sportlichen Bewegungen und körperlichen Leistungen, mit sportartspezi- fischen Regeln und häufig auch mit Wettkämpfen zusammenhängen. Derzeit sind allein in den deut- schen Sportvereinen fast 27 Millionen Menschen organisiert. Über 70% der Bevölkerung gibt an, Sport zu treiben. Etwa die Hälfte der Nicht-Sport- aktiven würde gerne ebenfalls Sport treiben, wenn das Angebot räumlich näher wäre und sie mehr Zeit hätten. Diese Zahlen belegen die enorme ge- sellschaftliche Bedeutung des Sports. Im Blick auf die genannten sozialpädagogischen Aspekte des Sports werden im Folgenden vier Themenbereiche behandelt. Zunächst geht es um die Frage der sozialen Inte- 1. gration von Jugendlichen, die in Sportvereinen or- ganisiert sind. Dann geht es um eine spezielle Integrationsfrage, 2. nämlich um die Möglichkeiten und Grenzen einer Integration von Migranten durch den Sport. Der nächste Themenbereich behandelt normabwei- 3. chendes Verhalten auf und außerhalb des Sport feldes. Abschließend werden im Sinne der Jugendsozial- 4. arbeit Sportangebote für verhaltensauffällige Ju- gendliche vorgestellt. Zur sozialen Integration von vereinsorganisierten Jugendlichen Die Projektgruppe um Nobis und Baur et al. (2007) ist im Blick auf diese Thematik im Rahmen einer Sekundäranalyse vorliegender Jugend(Sport)- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art156, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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