Handbuch 5. Auflage

Sport aus sozialpädagogischer Perspektive 1679 surveys und bezogen auf die Altersspanne zwischen 12 und 29 Jahren u. a. zwei Fragestellungen nach- gegangen: Stellt der Sportverein für Jugendliche eine Integra- 1. tionsinstanz in die Sportvereinsgemeinschaft, ins- besondere in die Kultur der Gleichaltrigen, dar? Fördert die Mitgliedschaft im Sportverein die Be- 2. reitschaft der Jugendlichen, sich an der Zivilgesell- schaft zu beteiligen? Zu 1.: Die Datenlage zeigt: „Jugendliche Sportver- einsmitglieder gehören signifikant häufiger als nicht-vereinsgebundene Jugendliche einer Clique bzw. einer Gruppe Gleichaltriger an, die sich regel- mäßig trifft und sich zusammengehörig fühlt“ (Fussan 2007a, 45). Sie verbringen mehr Freizeit mit Gleichaltrigen und haben nach eigenen Aus- sagen in ihrer Gruppe eine zentralere Position als nicht-vereinsgebundene Jugendliche (53). Diese Ergebnisse gelten gleichermaßen für Jungen und Mädchen und im Besonderen für den Altersbereich zwischen 14 und 17 Jahren (55). Hinsichtlich der Einbindung in Peer-Netzwerke zeigen sich keine Unterschiede zwischen jugendlichen Wettkampf- sportlern und Nicht-Wettkampfsportlern. Aller- dings sind die Wettkampfsportler stärker in die Vereinsgemeinschaft integriert (Fussan 2007b, 113 f.). Die hohe Bindungskraft der Sportvereine, welche die Bedeutung dieser Befunde verstärkt, zeigt sich darin, dass jugendliche Sportvereinsmitglieder im Alter zwischen 15 und 19 Jahren im Durchschnitt bereits sieben Jahre dem betreffenden Verein ange- hören, was etwa 43% ihres Lebensalters ausmacht (Baur et al. 2003, 179). Zu 2.: Der Anteil der im Sportverein ehrenamtlich engagierten jugendlichen Vereinsmitglieder (als Übungsleiter, Mannschaftsführer, Schiedsrichter, Jugendwart u. a.) beläuft sich bei den meisten der ausgewerteten Jugendsurveys zwischen 13% und 15%. Bei den wettkampfsportlich aktiven Jugend- lichen sind es über 40%. Nobis kommt aufgrund solcher Befunde zu folgender Schlussfolgerung: „Wenn man einerseits die hohen Mitgliedschaftsquoten bei den Jugendlichen und andererseits die hohen Anteile freiwillig engagierter jugendlicher Sportvereinsmitglieder in Betracht zieht, dann lässt sich in etwa abschätzen, in welchem Umfang Heranwachsende als Mitglieder von Sportvereinen zu gemeinwohlorientiertem, bürgerschaft- lichem Engagement angeregt werden.“ (Nobis / Baur et al. 2007, 144) Auch Brettschneider/Kleine (2002) kommen nach ihrer Untersuchung der Jugendarbeit in nordrhein- westfälischen Sportvereinen zu dem Ergebnis, dass der Sportverein ein Feld darstellt, in dem Jugendliche vielfältige Erfahrungen machen können, die für ihre Entwicklung von Bedeutung sind. „Trotz zuneh- mender Individualisierung in vielen Lebensbereichen gelingt es den Sportvereinen in einmaliger Weise, vor allem Heranwachsende gesellschaftlich zu integrie- ren“ (2002, 480f.). Einzelne positiv zu bewertende Befunde decken sich mit der Sekundäranalyse von Nobis und Baur et al. (2007). Andererseits raten Brettschneider u.a. von allzu optimistischen Annah- men im Hinblick auf die durch das Sporttreiben be- dingte Persönlichkeitsentwicklung ab, da sich aus ihrer Sicht vor allem jene Jugendliche dem Sportver- ein zuwenden und sich an ihn binden, welche bereits vor ihrem Eintritt in den Sportverein positiv zu be- wertende Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Nobis und Baur et al. (2007) ergänzten ihre beiden Frage­ stellungen um die „Migrationsperspektive“. Sport und Integration von Migranten Seit Langem wird der Sport, insbesondere von po- litischen und sportpolitischen Funktionsträgern, als universelles Medium der Völkerverständigung gesehen. Aufgrund der international gültigen Re- geln bietet er für alle Menschen, unabhängig von sozialer Herkunft, Hautfarbe und Religion, prinzi- piell die Chance, gemeinsam Sport zu treiben. Das entsprechende Motto lautet: „Der Sport spricht alle Sprachen.“ Am deutlichsten wird dieses Motto bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und anderen internationalen Sportfesten propagiert und medienträchtig in Szene gesetzt. Da der Deut- sche Sportbund (inzwischen Deutscher Olympi- scher Sportbund) seit den 1970er Jahren insbeson- dere im Blick auf seine Vereine den „Sport für alle“ vertritt, wird folgerichtig auch die Ansicht vertre- ten, dass gemeinsames Sporttreiben im Verein zu zwanglosen Kontakten führe, Vorurteile und so- ziale Distanzen abbaue sowie dem Gefühl der Fremdheit entgegenwirke.

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