Handbuch 5. Auflage

1680 Gabler  Anderseits sind die Vereinsmitglieder mit Migrati- onshintergrund in den deutschen Sportvereinen unterrepräsentiert. Dies gilt besonders für die eh- renamtliche Führung der Vereine. Und der Sport ist insgesamt nicht frei von ethnischen Abgrenzungen, Konflikten und Gewaltausbrüchen, die bis zum Abbruch von Wettkämpfen führen. Es bedarf also einer differenzierten Sichtweise, um die Integra­ tionspotenziale des Sports beurteilen zu können. Zunächst ist zu unterscheiden zwischen „Außen- integration“ und „Innenintegration“. Außeninte- gration bezieht sich auf die Integration von Men- schen mit Migrationshintergrund in die Mehrheitsgesellschaft. Binnenintegration meint dagegen, dass sich ethnische Gruppen bewusst als Subkultur gegenüber der Mehrheitskultur abgren- zen. Weiterhin ist im Blick auf die Integrations- thematik darauf hinzuweisen, dass die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund keine ho- mogene Gruppe darstellt; vielmehr handelt es sich um eine Vielzahl von unterschiedlichen Personen- gruppen: Aussiedler, Arbeitsimmigranten, Kinder dieser Familien, die in Deutschland geboren wur- den, Personen mit begrenzter Aufenthaltsgenehmi- gung, Asylbewerber u. a. Und schließlich ist zwi- schen den Herkunftsländern, z. B. zwischen Italien und Türkei, zu unterscheiden. Fragt man nun im Blick auf die Außenintegration danach, inwieweit jugendliche Immigranten Sport treiben, dann lässt sich nach Fussan /Nobis (2007, 291) Folgendes feststellen: „Jugendliche mit Migrationshintergrund scheinen sich hinsichtlich ihres Sportinteresses nicht nennenswert von deutschen Jugendlichen zu unterscheiden […] Unabhän- gig vom Migrationshintergrund ist der Sportverein offen- bar ein sehr beliebter Kontext des Sporttreibens […] Es ergeben sich allerdings deutliche Unterschiede derart, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund signifikant seltener einem Sportverein angehören“ (Fussan / Nobis 2007, 291). Diese Barriere gilt vor allem für Jugendliche und hier insbesondere für Mädchen mit türkischem Hintergrund. Die Barrieren beim Zugang zum Sport lassen sich nach Heinemann (2007) mit sechs Begründungen erklären: Sozialschicht: ■ ■ Grundsätzlich engagieren sich Mit- glieder unterer Sozialschichten weniger im Sport, so dass dementsprechend Personen mit Migrati- onshintergrund ebenfalls weniger Sport treiben. Ethnische Zugehörigkeit: ■ ■ In den Heimatländern vieler Immigranten ist der Sport, insbesondere der Schulsport und das Vereinswesen, weniger aus- geprägt, so dass auch Jugendliche mit Migrations- hintergrund, die in Deutschland aufwachsen, über die familiäre Sozialisation entsprechend beein- flusst werden, d.h. weniger mit Sport konfrontiert werden. Unsichere Zukunftsperspektive: ■ ■ Wer aufgrund ei- nes begrenzten Aufenthaltsrechts nicht sicher sein kann, dass er auf Dauer in Deutschland bleiben kann, wird sich wenig bemühen, sich in die Mehr- heitskultur zu integrieren. Wertorientierung und Lebensstil: ■ ■ Viele Immigran- ten haben ihre Wurzeln in ländlichen Regionen ih- rer Heimatländer, woraus sich eine große Differenz zur Kultur der in Deutschland vorherrschenden mo- dernen Gesellschaft ergibt. In diesen Wurzeln hat der moderne Sport nur einen geringen Stellenwert. Andererseits können aus der Perspektive der Le- bensstilforschung „Menschen aus scheinbar völlig unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen durchaus die gleichen Lebensstile, die gleichen po- litischen Überzeugungen, den gleichen Geschmack in modischen Fragen und die gleichen Interessen am Sport haben“ (Seiberth /Thiel 2007, 203). Wenn trotzdem Barrieren den Zugang zum Sport erschweren, dann geschieht dies weniger im Sinne der „Fremdexklusion als vielmehr im Sinne der Selbstausgrenzung“ (204). Körperbild: ■ ■ Sport stellt eine besondere Form des Umgangs mit dem eigenen und fremden Körper dar. Werte und Normen, die sich auf den Körper beziehen – z.B. Schamgrenzen, Einstellungen zum Körperkontakt, Körpersprache, körperliche Gewalt –, unterscheiden sich vor allem zwischen europä- isch- westlichen und islamischen Gesellschaften. In Anlehnung an Bourdieu (1999) wird jeder Kultur ihr eigener Umgang mit dem Körper zugestanden. Dies erschwert vor allem die Teilnahme musli- mischer Schülerinnen am Sportunterricht, ins- besondere am Schwimmunterricht. Und manchen jungen Musliminnen erschwert es offenbar den Zugang zum Sportverein, in denen es keine ge- trennten Duschkabinen gibt, da sie sich auch Frauen gegenüber nicht nackt zeigen dürfen. Antizipation der Wahrnehmung des Sporttreibens ■ ■ durch andere: etwa durch die Familie oder den

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