Handbuch 5. Auflage

Beratungsforschung 169 literatur vor Augen, so wird plausibel, warum die Bedeutung der unmittelbaren (Face-to-Face)-Kom- munikation im Beratungsgespräch in den letzten Jahren signifikant gestiegen ist (Bergmann et al. 1998; Schubert 1998; Ertelt / Schulz 1997; Rausch 1993). Auch die sich ständig vergrößernden Mög- lichkeiten des Einsatzes von neuen Kommunikati- onstechnologien (etwa Obermeier 2000; Vollbrecht 2000) in nahezu allen Lebensbereichen relativieren keineswegs die Relevanz der unmittelbaren Bera- tungskommunikation für das Funktionieren mo- derner Gesellschaften. Das Gegenteil ist der Fall: Besonders die Sozial- und Erziehungswissenschaf- ten entwickeln sich zunehmend von „gelehrten“ hin zu „beratenden“ Professionen (u. a. Brun- ner / Schönig 1990; Dewe 1991b). Beratungsforschung analysiert in diesem Zusam- menhang die Bedeutung einer sozialwissenschaft- lich gebildeten Kompetenz zur Rekonstruktion praktischer Problemlagen in Beratungsgesprächen. „Beratung“ erscheint dabei als moderner Typus re- flexionsorientierter Interaktion (Modaschl 2005) zwischen Ratgebern und Ratsuchenden. Es handelt sich um ein spezifisches gesellschaftliches Arrange- ment (u. a. Fuchs 1994), in dem die Problematik wie auch die Reflexivität moderner Vergesellschaf- tung deutlich wird: In einer „neuen Unübersicht- lichkeit“ (Habermas 1996) wachsender Komplexi- tät und steigender Abstraktion verliert die Bewältigung des Alltags zunehmend an Selbstver- ständlichkeit. Die Unangemessenheit überkom- mener Handlungsmuster und Steuerungsmodelle macht es immer schwieriger, soziales Handeln selbstverantwortlich zu organisieren. Für in Bera- tungskontexten arbeitende Pädagogen und Sozial- berufler ist es unverzichtbar, die Struktur sowie die Eigenlogik dieser spezifischen Kommunikations- form zu verstehen. Die Sozial- und Erziehungs- wissenschaften, die sich häufig vorschnell und un- kontrolliert zur praktischen Beratung hergeben (siehe etwa Howaldt /Kopp 1998), werden aus Sicht der Beratungsforschung indes in erster Linie als kritische Reflexionswissenschaften (u. a. Buch- heim/Kersting 1992) rekonstruiert. Hier liegt das relevante Potenzial „beratender Wissenschaft“: Sie sensibilisiert für jene die Alltags- und Berufspraxis konstituierenden objektiven sozialen Strukturen. Dabei geht es empirisch zwingend um die Klärung folgender Fragen: Was geschieht, wenn in Bera- tungsprozessen Wissensbestände, die im Kontext institutionalisierter Sozialforschung erzeugt wor- den sind, von wissenschaftlich ausgebildeten Bera- tern an Alltagspraktiker weitergegeben werden und bei diesen mit Praxisperspektiven zusammentref- fen, die aus dem Erfahrungskontext ihrer Lebens- welt stammen und durch „erprobte“ Deutungs- muster strukturiert sind? Werden dabei die Meinungen der Alltagshandelnden durch wissen- schaftlich gewonnene Erkenntnisse ersetzt oder er- weist sich das Handlungswissen der Alltagsprakti- ker als resistent? Und: Wem ist mit der einen, wem ist mit der anderen Reaktion (mehr) geholfen? Ist die mögliche Entwertung der subjektiven Pro- blemsicht durch empirisch gewonnene Erkennt- nisse, die Substitution des Handlungswissen durch Wissenschaftswissen (Sprondel 1979; Dewe 1991b) der Preis, den Personen zahlen müssen, wenn sie die Handlungsprobleme, die sich ihnen in unserer Gesellschaft stellen, rational bewältigen wollen, oder ist das Handlungswissen dem wissenschaftlich erzeugten Wissen in der alltäglichen Praxis über- legen – oder ist das eine falsche Alternative? Im Kontext von Beratungsforschung ist letztlich zu fragen nach Erfolgsbedingungen und -kriterien von wissenschaftsorientierter Kommunikation schlechthin. Die hier interessierenden Bedingun- gen und Barrieren liegen jedoch nicht auf der Ebene individueller Fähigkeiten und Motive, deren Ent- wicklung mit Hilfe psychologisch fundierter Stra- tegien zu beeinflussen wäre (so etwa Hofer / Papas- tefanou 1996). Sie sind vielmehr in den sozialen Entstehungsbedingungen, Vermittlungsinstitutio- nen und Anwendungskontexten sowie den damit zusammenhängenden Binnenstrukturen der kon- kurrierenden Realitätskonstruktionen von wissen- schaftlich ausgebildeten Beratern und Alltagsprak- tikern selbst zu lokalisieren (Walter-Busch 1994). Die Einsicht, dass wissenschaftlich gewonnene Konstruktionen keine subjekt- und situationsunab- hängig „festen“ Ergebnisse liefern, sondern immer in einen diskursiven Kontext eingebettet bleiben, der kontrafaktische Unterstellungen nicht aus- schließt und in der Festlegung von Wirklichkeits- mustern stark rhetorisch strukturiert ist (Geissner 1968; Badura 1972; Dewe 1999), impliziert einen veränderten Blick auf die Handlungsform „Bera- tung“. Hinzu tritt in der Beratungsforschung das Prinzip des Fallbezugs: Der strikte Fallbezug (u. a. Behrend /Wienke 2001) begrenzt die Beratung auf ex-post-Deutungen. Die

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