Handbuch 5. Auflage

Sport aus sozialpädagogischer Perspektive 1681 Freundeskreis. „Wenn Sport bei diesen Bezugs- gruppen nicht auf Anerkennung stößt, vielleicht sogar misstrauisch und skeptisch beurteilt wird, wird es kaum zu einem Sportengagement kom- men“ (Heinemann 2007, 208). Setzt man im Blick auf die sportpolitischen An- sprüche die Erwartungen an die Integrationskraft des Sports niedriger und berücksichtigt die ge- nannten Argumente für den erschwerten Zugang zum Sport für Jugendliche mit Migrationshinter- grund, dann bleibt doch noch festzuhalten, dass der Sport und insbesondere der Sportverein (im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen) über ein erhebliches Integrationspotenzial verfügen (Fussan /Nobis 2007, 291). Zugleich muss aber auch berücksichtigt werden, dass in jenen Unter- suchungen, die zu einer positiven Bewertung der integrativen Wirkung des Sports gelangten, nicht untersucht wurde, ob diejenigen, die in einen Sportverein eingetreten sind, zu diesem Zeitpunkt nicht bereits in hohem Maße integriert waren (209). Was die Binnenintegration betrifft, so zeigen sich ambivalente Entwicklungen. Wenn die Kultur der Mehrheitsgesellschaft der eigenen Kultur wider- spricht, kann dies auch zur Segregation beitragen. Als Beispiel für solche Reaktionen kann die starke Zunahme der ethnischen Sportvereine, insbeson- dere der türkischen Fußballvereine, seit den 1990er Jahren angeführt werden. Bis in die 1980er Jahre hinein wurde die Bildung der ethnischen Sportvereine als kontraproduktiv für die Integration gesehen, da sie die Segregation fes- tige. Allerdings ging man davon aus, dass die zweite und dritte Generation der Migranten eher deutsche Sportvereine bevorzugen würden. Dies traf und trifft auch heute für jüngere Jugendliche zu. Ältere Jugendliche wechseln jedoch (vor allem auf Druck der Väter) nach der „A-Jugend“ in den Aktiven- bereich von ethnischen Sportvereinen. Die betroffe- nen Vereine beklagen deshalb, dass sie im Jugend- bereich ausbilden und danach im Aktivenbereich die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten können. Inzwischen hat sich jedoch die Erkenntnis durch- gesetzt, dass ethnische Sportvereine nicht unbe- dingt zur Segregation führen müssen. Vielmehr können solche Vereine (wie ethnisch ausgerichtete Geschäfte und Restaurants zeigen) zunächst we- sentlich zur Binnenintegration beitragen, „d. h. zur Überwindung des durch die Migration ausgelösten Kulturkonflikts und zur Bewältigung des Lebens außerhalb des Arbeitsprozesses“ (Sonnenschein 1999, 87). Sie ermöglichen, mit den Mitgliedern des eigenen Kulturkreises gemeinsam die Freizeit zu gestalten und Gefühle der Zugehörigkeit zu ent- wickeln. Durch gemeinsame Wettkämpfe mit nicht-ethnischen Sportvereinen ergeben sich dann auch Möglichkeiten der Außenintegration. Aus dieser Sicht haben die ethnischen Sportvereine eine Brückenfunktion zwischen den Migrantenmilieus und den Milieus der Mehrheitsgesellschaft. Ande- rerseits muss offen bleiben, inwieweit es jungen Menschen mit starken Bindungen zu ihrer Kultur gelingt, sich sowohl mit ihrer ethnischen Minder- heit als auch mit der Mehrheitsgesellschaft zu iden- tifizieren. Der Sport hat – dies zeigen die bisherigen Ausfüh- rungen zur Frage des Zusammenhangs von Inte- gration und Sport – durchaus ein beachtliches In- tegrationspotenzial. Inwieweit es tatsächlich zum Tragen kommt, ist aufgrund der Komplexität der Fragestellung schwierig zu beurteilen. Andererseits ist aber auch nicht zu verkennen, dass ein Bereich des Sports, nämlich der Wettkampfsport, ein be- sonderes segregierendes Konfliktpotenzial in sich birgt, das ein verstehendes Sich-Begegnen eher blockiert, vielmehr die Betrachtung des sportlichen Gegners als echten Gegner eher fördert. In extre- men Fällen kommt es sogar zu gravierenden Ge- walttätigkeiten. Pilz wertete bezogen auf den Ju- gendfußball rd. 4000 Sportgerichtsakte des Niedersächsischen Fußballverbandes der Saison 1998 / 99 aus und fand, dass zwei Drittel aller ver- handelten Spielabbrüche von nicht-deutschen Spielern (überwiegend Türken) verursacht wurden. Hinsichtlich der Vorgeschichte zeigte sich, dass bei den deutschen Tätern Schiedsrichterentscheidun- gen sowie Provokationen durch Trainer / Betreuer und bei den nicht-deutschen Tätern eher Provoka- tionen durch Zuschauer von Bedeutung sind (Pilz 2006, 36). Abweichendes Verhalten im Sport Gewalt im Sport ist ein zentrales Teilthema des re- gel- und normabweichenden Verhaltens von Sport- lern und Zuschauern. Zunächst ist jedoch fest- zuhalten, dass im Sport Aktionen zulässig sind, die

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