Handbuch 5. Auflage
Sport aus sozialpädagogischer Perspektive 1683 Mitteln zu erlangen, die nicht den Regeln und dem Konsens entsprechen. Solche betrügerischenHand- lungen sind z. B. Doping und hinter den Kulissen getroffene Absprachen über den Wettkampfaus- gang. Will man ein Fazit zu dieser Thematik der norm- abweichenden Handlungen von (jugendlichen) Sportlern ziehen, dann kann dies nur ambivalent ausfallen. Einerseits lernen jugendliche Sportler Regeln einzuhalten, nicht zuletzt deshalb, weil ge- wöhnlich bei Nichteinhaltung die entsprechende Sanktion (bis hin zum Ausschluss vom Spiel) gleichsam auf dem Fuße folgt. Sie lernen aber nicht nur in diesem Sinne die Regeln als Mittel zum Zweck einzuhalten, sondern sie haben auch die Möglichkeit, den „Geist der sportlichen Regeln“, das Prinzip der Fairness, zu erfahren. „Fairneß zeigt sich im Rahmen sportlicher Wettkampf- handlungen im Bemühen der Sportler, die Regeln kon- sequent und bewußt (auch unter erschwerten Bedingun- gen) einzuhalten oder sie zumindest nur selten zu übertreten, im Interesse der Chancengleichheit im Wett- kampf weder unangemessene Vorteile entgegenzuneh- men noch unangemessene Nachteile des Gegners aus- zunutzen und den Gegner nicht als Feind zu sehen, sondern als Person und Partner zu achten.“ (Gabler 1998, 152) Dieser positiv zu bewertenden Seite des Sports steht andererseits die negativ zu bewertende gegen- über. Der Sport ist auch ein Lernfeld für norm- abweichendes Verhalten. Vor allem Aggressionen werden über erfolgreiche Vorbilder und über ei- gene Erfahrungen, die zum sportlichen Erfolg führen, gelernt. Je mehr solch normabweichendes Verhalten öffentlich toleriert, ja zum Teil sogar ge- fordert wird, desto mehr wird dieses Verhalten ver- stärkt. Die weitere Entwicklung dieser Ambivalenz (zwi- schen der Möglichkeit, sowohl positive als auch negative Erfahrungen zu machen) wird davon ab- hängen, inwieweit es den im Sport Verantwort- lichen gelingt, einerseits über regelbedingte Sank- tionen und andererseits über das verstärkte Bewusstmachen der Fairnessidee Gewalt und Un- fairness im Verhalten junger Sportler zurück- zudrängen oder ob junge Sportler aufgrund der von Teilen der Gesellschaft übersteigerten ideellen und finanziellen Wertschätzung sportlicher Leis- tungen zunehmend bereit sind, auch Gewalt als Mittel zum Zweck einzusetzen. Gewalt im Sport bezieht sich jedoch nicht nur auf die Sportler selbst, sondern auch auf die Zuschauer und hier vor allem auf die Zuschaueraggressionen innerhalb und außerhalb des Stadions (Gabler 1994). Dreierlei fällt bei der Betrachtung dieses Problemfeldes zunächst auf: Es handelt sich bei den Gewalttätigkeiten fast ausschließlich um Ju- gendliche männlichen Geschlechts. Dieses jugend- spezifische Phänomen zeigt sich erst seit den Nach- kriegsjahren, denn auch früher gab es schon Zuschauer als Fans im engen Sinne. Bei den Zuschauerausschreitungen handelt es sich um ein vorwiegend fußballspezifisches Phänomen, das weltweit auftritt. Dieses Phänomen ist schwer zu quantifizieren und zu bewerten. Einerseits sind es nur wenige Prozent der Zuschauer, die zur Ge- walt neigen, wobei zumeist kleinere Raufereien und verbale Aggressionen überwiegen. Anderer- seits kommt es immer wieder zu schweren Aus- schreitungen, die sogar schon Todesopfer gefordert haben. Die Entwicklung der Fanszene lässt sich in drei Ab- schnitte gliedern. Dies ermöglicht die Darstellung der Entwicklung der Zuschaueraggressionen. Zu- nächst dominierten in den 1970er Jahren die sog. Kuttenfans . Sie zeigen sich im äußeren Erschei- nungsbild durch Fahnen, Schals und Mützen in den Vereinsfarben (die sog. Kutten) und werden bestimmt durch ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Spannung, „action“ und Abenteuer. Dieses Sensation-seeking-Motiv wird ergänzt durch wei- tere Motive wie das Bedürfnis nach Anerkennung (vor allem in der Fangruppe) und das Bedürfnis nach Wirksamkeit im Sinne von Selbst-etwas-ver- ursachen-Wollen. Aggressive Handlungen werden im Allgemeinen nicht explizit angestrebt (mit Aus- nahme bei historisch gewachsenen Fan-Feindschaf- ten zwischen Fanclubs einzelner Bundesligaver- eine). Vielmehr sind sie als instrumentelle Aggressionen zu verstehen, d. h., sie dienen als Mit- tel zur Erreichung anderer Ziele, z. B. in der Gruppe sozial anerkannt zu sein, sich seine eigene Wirk- samkeit und körperliche Stärke zu bestätigen, sein Machtbedürfnis gegenüber den gegnerischen Fans zu demonstrieren, und sie werden im Rahmen des Sensation-Seeking in der Auseinandersetzung mit Ordnungs- und Polizeikräften implizit in Kauf ge- nommen.
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