Handbuch 5. Auflage
1684 Gabler Zu Beginn der 1980er Jahre führten verschärfte Disziplinierungs- und Kontrollmaßnahmen der Polizei zur Verlagerung der Auseinandersetzungen zwischen den Fans auf die An- und Abmarschwege, d. h. insbesondere auf die Innenstädte und Bahn- hofsbereiche. Es kam zur Spaltung von Fanclubs und zur Selbstausgrenzung der zunehmend gewalt- bereiten Fans. Zu ihnen gesellten sich andere ge- waltbereite Jugendliche, die sich der „Fußballran- dale“ verschrieben und sich nach englischen Vorbildern Hooligans nennen. Das zentrale Motto der Hooligans lautet: „Gewalt macht Spaß“, „Ran- dale ist geil“. Hooligans bekennen sich zur Gewalt als Freizeithobby, wobei sich die Gewalt aus dem Zusammenhang mit dem Fußball weitgehend ge- löst und verselbstständigt hat. In jene Zeit fällt auch der Versuch rechtsextremer Gruppierungen, in der Fanszene Fuß zu fassen. Seit den 1990er Jahren gibt es eine neue Fanszene, die sog. Ultras (Pilz et al. 2006). In ihnen wird eine gewisse Vermischung von Kuttenkultur und Hoo- liganismus sichtbar. Dominierend ist jedoch der erlebnisorientierte Wille, den eigenen Verein zu unterstützen. Für diese Fans zählen Stärke und Macht, Durchsetzungsvermögen und Männlich- keit. Unabhängig von der Vielschichtigkeit der heutigen Fanszene ist die Gewalt in der Gruppe Gleichaltriger eine Möglichkeit unter anderen, Statusunsicherheit zu kompensieren und ein Stück mehr an Identität zu gewinnen. Insofern ist die Gewalt jugendlicher Fußballfans ein jugendtypi- sches, problemlösendes Verhalten, erlernt im Mi- lieu der gleichaltrigen Bezugsgruppe. Mit Sport gegen Aggression und Gewaltbereitschaft Auf der einen Seite kann demnach Aggression und Gewalt gesehen werden als erlernter Versuch, indi- viduelle Probleme im und am Rande des Sports zu lösen. Auf der anderen Seite wird der Sport jedoch auch gezielt eingesetzt, vor allem außerhalb des organisierten Sports, um Aggressionen zu verhin- dern und Gewaltbereitschaft zu reduzieren. Dies gilt insbesondere im Blick auf sozial auffällige Ju- gendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. „Der Sport stellt gerade für diese gefährdete Zielgruppe ein attraktives und wirksames Übungsfeld dar“ (Rössner 2000, 2). Im Rahmen dieser sportorien- tierten Jugendsozialarbeit wird von folgenden Be- gründungen ausgegangen: Sport als körperorientierter Ansatz kann dort als Ausdruckmittel genutzt werden, wo sprachliche Kompetenzen zur Konfliktlösung fehlen. Seine Bedeutsamkeit für die Arbeit mit schwierigen Ju- gendlichen erhält der Sport auch häufig über das Argument, dass seine Regelsysteme als Lerngele- genheiten dienen können. Vor allem im Sportspiel (wie z. B. beim Fußball, Handball und Basketball) macht der Umgang mit Normen betr. faires und unfaires Verhalten sowie betr. Sanktionen im Falle von Regelverstößen einen zentralen Bestandteil des Spielgeschehens aus. Die Unterstimulierung der taktilen und motori- schen Sinnesbereiche von Kindern und Jugend- lichen aufgrund der Verbauung der Landschaft und der Inanspruchnahme durch die modernen Medien hindert vor allem die Kinder und Jugendlichen in Großstädten an einer spontanen, körperlichen Ent- faltung ihrer Emotionalität und ihres Körpererle- bens. In letzter Konsequenz kann dies auch zu einer gesteigerten Gewaltbereitschaft führen. Gewalt wird oft als „Desintegrationsphänomen“ bezeichnet. Für die zunehmende Verunsicherung, den Orientierungsverlust und die Gewaltbereit- schaft von Jugendlichen sind die Auflösung traditio- neller, gesellschaftlicher Sicherheiten – insbesondere die der sozialen Einbindung – mitverantwortlich. Die Einbindung in Sportangebote kann vor diesem Hintergrund als ein mögliches Kontaktfeld mit Gleichaltrigen, aber auch mit erwachsenen Bezugs- personen gelten, was zu einer gewissen „Reintegra- tion“ führen kann. Die Chancen sportlicher Angebote für sozialpäd agogisches Handeln scheinen auch in deren beson- derer Attraktivität für Jugendliche zu liegen. Zum einen macht das hohe Ansehen, das mit sportlicher Leistung sowie mit körperlicher Fitness in unserer Gesellschaft verbunden ist, die sportliche Freizeit- beschäftigung für Jugendliche interessant. Zum anderen profitieren aber auch erlebnispädagogische Ansätze vom Sportangebot. Die Suche vieler junger Menschen nach besonderen Erlebnissen, nach Wagnis und Abenteuer sowie nach Grenzerfahrun- gen ist charakteristisch für unsere heutige Gesell- schaft. Risiko- und Natursportarten sowie das kör- perliche Bewältigen von Naturräumen, stellen in diesem Zusammenhang ein attraktives Betätigungs- feld für Jugendliche dar. Beliebte Beispiele hierfür
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