Handbuch 5. Auflage

1686  Stadtentwicklung Von Hartmut Häussermann Die großen Städte erleben seit den 1970er Jahren einen grundlegenden Wandel ihrer ökonomischen, sozialen und räumlichen Strukturen. Während ihre Entwicklung seit der Industrialisierung von einem anhaltenden Wachstum der Bevölkerung und der Arbeitsplätze und einem zunehmenden Wohlstand für alle Bevölkerungsschichten geprägt war, haben seitdem die Beschäftigtenzahlen vor allem in der Industrie abgenommen, die Arbeitslosigkeit hat zu- genommen, und die Ungleichheit der Einkommen ist gewachsen. Dieser Strukturwandel führte einer- seits zu einer stärkeren Differenzierung der Ent- wicklung von Städten. Verschiedene Entwicklungs- typenhaben sichherausgebildet:Weiterwachsenden Städten stehen stagnierende und schrumpfende gegenüber. Auch die innere Struktur der Städte ver- ändert sich: sozialräumliche Disparitäten nehmen zu, und daraus ergibt sich eine Fragmentierung und Polarisierung des sozialen Raums der Stadt. Dieser Wandel kann beschrieben werden als der Übergang von der fordistischen zur postfordisti- schen Stadt. Als Fordismus bezeichnet man eine spezifische Phase in der Entwicklung kapitalisti- scher Gesellschaften. Sie war gekennzeichnet durch das Wachstum großer Industrien, die Konsumgüter in großen Mengen produzierten – allerdings um den Preis der Standardisierung von Lebensstilen und Zeitrhythmen. Die beständige Steigerung der Produktivität machte Einkommenssteigerungen auch für gering qualifizierte Arbeitskräfte möglich. Wachsender Wohlstand, Ausbau staatlicher Leis- tungen und eine immer stärkere Standardisierung der Lebensstile schlugen sich auch in den Städten nieder: Einerseits durch den Aufbau von Großsied- lungen, andererseits durch die Ausdehnung der Städte ins Umland in Form der immer gleichen Einfamilienhausgebiete. Mit der Ausbreitung des Automobils und wach- sender Kaufkraft setzte auch in deutschen Städten nach dem 2. Weltkrieg die massenhafte Abwande- rung von jungen Familien mit überdurchschnittli- chen Einkommen ins Umland ein. Die Motive dafür sind inzwischen gut bekannt: Im Umland bekommt man mehr Fläche fürs Geld im Vergleich zur Stadt. Eigentumsbildung und Wohnungsver- größerung sind für mittlere Einkommen praktisch nur im Umland möglich gewesen. Das Einfamili- enhaus im Grünen wurde außerdem zum Symbol eines harmonischen Familienlebens und zum Aus- weis einer gelungenen Biographie („einen Sohn zeugen, einen Baum pflanzen, ein Haus bauen“). Für die städtische Ökonomie spielen große Fer- tigungsbetriebe heute eine immer geringere Rolle, die Beschäftigungsverhältnisse werden instabil und prekär. Im wachsenden Bereich der Dienstleistun- gen dominieren zugleich sehr hohe und sehr nied- rige Qualifikationen und damit auch Verdienst- möglichkeiten. DiemittlerenEinkommensgruppen verlieren an Gewicht. Damit löst sich das homo- gene Modell des Fordismus langsam auf, die Städte werden sozial heterogener. In der postfordistischen Stadt nehmen kulturelle und soziale Ungleichhei- ten zu, die Beschäftigungsverhältnisse werden flexi- bel und prekär, und die Stadtverwaltungen haben weniger Einfluss auf die räumliche Entwicklung, weil sie nicht mehr über die finanziellen Mittel zur Steuerung der räumlichen Entwicklung – etwa durch sozialen Wohnungsbau – verfügen. Insbesondere die Kernstädte der Agglomerationen waren zunächst die Verlierer dieses Wandels. Die Abwanderung aus der Kernstadt ins Umland war sozial selektiv, d. h., dass die „Besserverdienenden“ die Städte verließen und in der Stadt die „A-Grup- pen“ zurückblieben, deren Konzentration sich da- durch verstärkte: Arme, Arbeitslose und Ausländer. Während in den ländlichen Gebieten und in den suburbanen Gebieten in den 1970er Jahren die Zahl der Arbeitsplätze und der Wohlstand wuch- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art157, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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