Handbuch 5. Auflage

Stadtentwicklung 1687 sen, verloren die Großstädte an wirtschaftlichem Gewicht, und die sozialen Probleme nahmen rasch zu. Die Arbeitslosigkeit war in den Großstädten seit den 1970er Jahren zum ersten Mal seit Beginn der Industrialisierung höher als auf dem Land, ins- besondere der hohe Anteil von Dauerarbeitslosig- keit verwies auf strukturelle Probleme. Ursache dafür war der Abbau von Arbeitsplätzen in der in- dustriellen Produktion, von dem insbesondere die Migranten betroffen sind, die ja als „Gastarbeiter“ für genau diese Arbeitsplätze angeworben worden waren. Der wachsende Anteil von Nicht-Erwerbs- tätigen in den Städten erzwang höhere Sozialausga- ben. Da aber gleichzeitig wegen des Rückgangs der Zahl der Arbeitsplätze – und durch Änderungen der Steuergesetze – die Steuereinnahmen der Städte zurückgingen, entstand eine chronische Finanznot, die zum Abbau von nicht mehr finanzierbaren Leistungen zwang. Dem Verlust von Fertigungs-Arbeitsplätzen stand aber immer auch ein Wachstum von Dienstleis- tungstätigkeiten gegenüber. Einerseits nahm die Beschäftigung in Bereichen wie Beratung, Finan- zierung, Versicherungen, EDV, Forschung und Entwicklung, Werbung und Kultureinrichtungen zu, andererseits wuchs die Beschäftigung in unqua- lifizierten und gering entlohnten Dienstleistungen wie Transport, Reinigung, Bewachung oder Gas- tronomie. Sowohl der höhere Anteil von Arbeits- losen als auch die größere Ungleichheit der Ein- kommen in der Dienstleistungsbeschäftigung beförderten eine Tendenz zur sozialen Polarisie- rung, die sich nach und nach auch in der räumli- chen Struktur der Städte niederschlug. Die wachsende Zahl von Haushalten mit geringen Einkommen wurde auf einem schrittweise liberali- sierten Wohnungsmarkt in Quartiere mit geringer Attraktivität und niedrigen Mieten gelenkt, in de- nen sich nun die sozialen Probleme konzentrieren. Die einheimischen und auch die migrantischen ausländischen Mittelschichten ziehen sich von dort zurück, und so entsteht eine hohe Segregation der sozial randständigen Bevölkerung. In allen großen Städten sind solche Prozesse der Residualisierung von Stadtteilen mit einer hohen sozialen Problem- dichte zu beobachten – und in diesen Stadtteilen ist häufig der Migrantenanteil vergleichweise hoch. Die „Krise der Städte“ hatte Ursachen in der Öko- nomie und in der Bevölkerungsentwicklung. In ökonomischer Hinsicht waren es Verlagerungen und Rationalisierung, insgesamt also die Deindus- trialisierung, die zu einem weitgehenden Ver- schwinden der industriellen Fertigungstätigkeit aus den Städten führte; in demographischer Hinsicht war es die Suburbanisierung, die zur sozialen Ent- mischung der Großstadtbevölkerung beitrug. Die Folgen dieser Entwicklung waren und sind wach- sende Ungleichheiten in dreierlei Hinsicht: die Einkommensungleichheit in den Städten ist ■ ■ größer geworden; die ethnische Heterogenität in den Städten nimmt ■ ■ laufend zu; die räumliche Segregation der einkommensschwa- ■ ■ chen und diskriminierten Haushalte wird größer. Entwicklungen dieser Art waren nicht nur in Deutschland zu beobachten. Soziale Polarisierung, Spaltung der Städte, Suburbanisierung, Schrump- fen – das sind Stichworte, die die internationale Diskussion über die Entwicklung großer Städte in den letzten drei Jahrzehnten geprägt haben. Seit Mitte der 1990er Jahre ist jedoch für die Groß- städte in Deutschland eine Trendveränderung zu beobachten, die von manchen Beobachtern bereits als „Renaissance der Stadt“ gefeiert wird (Läpple). Anzeichen dafür sind die Wiederkehr des Wachs- tums von Arbeitsplätzen in den Städten und die Ab- nahme der Abwanderungen ins Umland. Die Städte scheinen die kritischste Phase des Übergangs von der fordistischen zur postfordistischen Stadt hinter sich zu haben. Die abnehmende Suburbanisierung und das Wachstum von Dienstleistungsbeschäfti- gung in den Zentren der großen Städte haben die Entwicklung in vielen Städten auf eine neue Basis gestellt. Allerdings erleben nicht alle Städte den Be- ginn eines neuen ökonomischen Wachstums, denn wo die kritische Masse für die Entwicklung einer neuen, wissensbasierten Ökonomie fehlt, dominie- ren weiterhin die Schrumpfungstendenzen. Neue Ökonomie in der Stadt Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleis- tungsökonomie ist begleitet von einemWandel der grundlegenden Prinzipien der wirtschaftlichen Organisation. Der Aufstieg der großen Industrie

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