Handbuch 5. Auflage
1688 Häussermann hat die Städte wachsen lassen, aber er hat sie auch zerstört. Die große Industrie beruhte auf den Or- ganisationsprinzipien des Taylorismus. Nach die- sem Modell wurde die höchste Produktivität er- reicht, wenn der Produktionsprozess möglichst weitgehend in kleinste funktionale Einheiten zer- gliedert und mechanisiert wurde. Diese Form der Rationalisierung wurde im Konzept des Funktio- nalismus seit den 1920er Jahren auf die Städte übertragen. Der Wiederaufbau der Städte nach dem 2. Weltkrieg folgte weitgehend diesem Leit- bild der „modernen“ Stadt. Die Entflechtung oder Beseitigung der unüber- sichtlichen, funktionsgemischten Altbaugebiete gehörte ebenso zum Konzept des modernen Städte- baus wie die Entdichtung und die Standardisierung der Wohnformen. Eine klare Ordnung sollte ge- schaffen werden. Für alles und jeden einen Ort festzulegen und von zentraler Hand für ein opti- males Funktionieren zu sorgen, das war das Kon- zept der fordistischen Stadt. In den Großsiedlungen der Nachkriegszeit und in den suburbanen Familienheimgebieten, die beide in der Regel „reine“ Wohngebiete waren, wurde dies ebenso sichtbar wie in den auswuchernden Verkehrsflächen und Gewerbegebieten in und am Rande der Stadt. Fordismus bedeutete die Auf- lösung der urbanen Stadt. Die postfordistische Ökonomie unterscheidet sich von der fordistischen Organisation radikal da- durch, dass nicht mehr Großbetriebe die Stadt ökonomie beherrschen, sondern vielmehr in wech- selnden Kooperationen kleinere Unternehmen projektförmig zusammenarbeiten. In der Kunst- produktion war dies schon immer gang und gäbe, nun wird dieses Modell verallgemeinert. In den Städten entwickelt sich eine Wissensökonomie, die sich nicht mehr auf Handarbeit, sondern vor allem auf intellektuelle Arbeit, Kreativität, soziale Inter- aktion und Vernetzung stützt. Entscheidend für das ökonomische Wachstum sind, um einen Be- griff von Richard Florida zu benutzen, die „kreati- ven Klassen“ – und diese bevorzugen urbane Orte zum Leben und Arbeiten. Ende der Suburbanisierung? Die Suburbanisierung war für die privaten Haus- halte ein kapitalintensiver Prozess. Langfristige In- vestitionen in Immobilien, Automobile und Haus- haltstechnik waren Voraussetzung für diesen familienzentrierten Lebensstil. Die langfristige Ver- schuldung setzte eine hohe Sicherheit des Arbeits- platzes und steigende Einkommen voraus. Beides ist heute für jüngere Haushalte nicht mehr selbstverständlich. Einkommenszuwächse sind temporär und können von Einkommensrückgän- gen abgelöst werden. Die Flexibilität der Arbeits- welt hat eine abnehmende Planbarkeit der beruf- lichen Einkommen zur Folge, die schwache Inflation fehlt als finanzielle Hilfe für langfristige Entschuldung. Und die Altersjahrgänge, die typischerweise zu den Suburbanisierern gehörten, werden aufgrund der demographischen Entwicklung zahlenmäßig schwä cher. Die Zahl der 26- bis unter 40-Jährigen ist seit 1996 um etwa 25% zurückgegangen, und sie wird weiter abnehmen, wie demographische Prognosen zeigen. Hinzu kommt, dass gerade bei den akademisch Gebildeten die Berufstätigkeit beider Partner im- mer selbstverständlicher wird. Dies ist eine logische Konsequenz der Zunahme höherer Bildung auch bei den jungen Frauen und der damit verbundenen Veränderung der Frauenrolle. Die Aussicht, im suburbanen Eigenheim für den Fahrdienst, der die Kinder zu den verschiedenen Bildungs-, Freizeit- und Erziehungsstationen bringen muss, zuständig zu sein und die eigenen Qualifikationen verküm- mern zu sehen, ist für junge Frauen immer weniger attraktiv. Das Hausfrauenmodell erodiert gerade deshalb, weil sich die Frauen immer seltener wie selbstverständlich in die familiäre Privatsphäre zu- rückziehen. Der Suburbanisierung geht sozusagen das Personal aus. Außerdem wird die Trennung von Arbeiten und Leben, die für die Entwicklung der modernen Stadt so charakteristisch war, tendenziell geringer. Die Anforderungen zeitlicher Flexibilität und die beständige Suche nach neuen Kontakten und Ko- operationsmöglichkeiten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in den multifunktiona- len innerstädtischen Altbaugebieten leichter zu or- ganisieren. Funktionsmischung, vielfältige Infra- struktur und kurze Distanzen kommen den
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