Handbuch 5. Auflage
Stadtentwicklung 1689 Anforderungen der Wissensökonomie ebenso am besten entgegen wie den Lebensstilen, die sie her- vorbringt. Dies alles begründet die gestiegene At- traktivität der Innenstädte für die neue Ökonomie, die eine urbane Ökonomie ist, und für die neuen – selbst gewählten oder durch die ökonomi- schen Verhältnisse erzwungenen – Lebensstile. Die „kreative“ Stadt Die „kreativen Berufe“ sind immer mehr ins Zen- trum der Stadtentwicklungspolitik gerückt, seit der amerikanische Regionalökonom Richard Florida einen engen Zusammenhang zwischen der kultu- rellen Qualität einer Stadt und ihrem ökonomi- schen Erfolg hergestellt hat. Er vertritt die These, dass die Städte, die die Merkmale einer kulturellen Metropole haben, auch das stärkste ökonomische Wachstum aufweisen – und dass es dabei einen er- klärbaren Zusammenhang gibt. „Kreativität“ ist demnach zur zentralen Antriebs- kraft von Wachstum und Entwicklung von Städ- ten, Regionen und Nationen geworden. Der „krea- tive Sektor“, der Wissenschaft und Technik, in Forschung, Entwicklung und die technologieba- sierten Industrien, die Künste, Musikkultur, äs- thetische und Design-Arbeit, die wissensbasierten Berufe des Gesundheitssystems, der Finanzen und des Rechtssystems umfasst, stellt beinahe die Hälfte aller Löhne und Gehälter in den Vereinigten Staa- ten. Und die Beschäftigten in den wissensbasierten Berufen leben besonders gerne in einer Stadt, die eine tolerante Atmosphäre und viele Bildungsmög- lichkeiten bietet. Da die Fähigkeit, kreatives Potenzial zu entfesseln, der zentrale Schlüssel für ökonomisches Wachstum ist, wird Kultur nicht vor allem als disziplinierende Kraft im Sinne der protestantischen Ethik gesehen, sondern als eine grenzenlose Ressource für Innova- tion und Wachstum – vorausgesetzt, sie ist offen und bestraft Querdenken, Grenzüberschreitungen, Regelverletzungen, Gegen-den-Strom-Schwimmen nicht nur nicht, sondern belohnt sogar solche Ab- weichungen von der Standard-Kultur. Innovation ist das zentrale Mantra moderner Tech- nologieförderung. Dabei geht es um die Organisa- tion und die Mobilisierung von Begabungen. Alle Städte betreiben heute diese Art von Innovations- förderung: Technologietransfer, Partnerschaften zwischen Universität und Industrie, Gründungs- zentren, Risikokapital. Aber welche dadurch öko- nomisches Wachstum erreichen – so der för- derungstechnische Schluss –, hänge an Merkmalen der Lebensqualität von Städten, die sie attraktiv machen für junge, innovative und erfinderische Talente. Diese wird nun mit dem so genannten Bohème-Index (Konzentration von Künstlern, Musikanten, Singles usw.) und einem Gay-Index, also dem Anteil von Homosexuellen an der Wohn- bevölkerung, gemessen. Solche Städte, die alle Arten von Menschen mit all ihren auch wunderlichen Besonderheiten willkom- men heißen, gelten nun nicht mehr als exotisch, sondern haben besonders günstige Wachstums- voraussetzungen, sagen nun auch die Unterneh- mensberater. Für die Unterstützung des wirtschaft- lichen Wachstums sind demnach attraktive Lebensbedingungen für kulturelle und ethnische Minderheiten ebenso wichtig wie die Förderung von technologischer Forschung, die Kooperation zwischenWissenschaft undWirtschaft oder Risiko- Finanzierungen. Die „Kultur“ erscheint als Gewinner des ökonomi- schen Wandels, aber diese Entwicklung produziert auch neue Verlierer, nämlich diejenigen, die in der neuen Ökonomie keinen angemessenen Platz mehr finden. Wenn eine Metropole offen, tolerant und integrativ sein soll, muss sie das Kunststück fertig- bringen, diese Spannungen und Ambivalenzen so zu bearbeiten, dass ihr genau die Merkmale, die sie attraktiv gemacht haben, nicht verloren gehen. Soziale Integration ist daher heute ebenso ein wichtiges Thema der Stadtentwicklungspolitik. Während also einerseits Kulturaktivitäten und un- gewöhnliche Lebensformen die fördernde Auf- merksamkeit der Großstadtpolitik erfahren, sind die Peripherisierung von marginalisierter Bevölke- rung und die Gentrification innerstädtischer Alt- bauquartiere die Kehrseite einer solchen Orientie- rung. Gentrification Mit dem Begriff Gentrification wird die „Aufwer- tung“ von Wohnquartieren bezeichnet. „Aufwer- tung“ bedeutet in diesem Zusammenhang zweier- lei: Modernisierung, also Erhöhung des Standards einer Wohnung einerseits, die Veränderung der
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