Handbuch 5. Auflage
1690 Häussermann sozialen Zusammensetzung der Bewohnerschaft in Richtung höherer Einkommen und höheren Bil- dungsstandes andererseits. So allgemein gefasst, ist Gentrification ein säkula- rer Prozess im Zuge des Wandels von modernen Gesellschaften, denn der Wohnungsbestand wird laufend verbessert, der durchschnittliche Bildungs- stand wird höher und das Einkommensniveau der Bevölkerung steigt. Problematisch wird dieser Pro- zess dadurch, dass er sozial und räumlich ungleich verläuft. Die Einkommensungleichheit der städti- schen Bevölkerung und nimmt zu, und damit dif- ferenzieren sich Zugangsmöglichkeiten zu den Wohnquartieren stärker aus. In jeder Stadt gibt es Quartiere mit hohen und niedrigen Mieten, und die unterschiedlichen Quartiere werden von unter- schiedlichen Einkommensgruppen bewohnt. Und daher finden Modernisierungsinvestitionen auch nicht überall in gleichem Maße statt. Gentrifica- tion bewirkt, dass das Wohnungsangebot in einem Quartier von einem niedrigen Preissegment in ein höheres transformiert wird. Die „Aufwertung“ von Quartieren ist ein marktgesteuerter Prozess. Brisant wird dies, wenn sich durch die Verteuerung der Mieten in einem bestimmten Gebiet die Wohn- möglichkeiten für Haushaltemit unterdurchschnitt- lichen Einkommen vermindern und ein rascher so- zialer Wandel die Folge ist. Das hat „Verdrängung“ zur Folge. Verdrängt werden Bewohner aus einer bestimmten Wohnung aber nur selten, wenn sie ihre Rechte kennen und diese auch geltend machen. Eine starke Erhöhung der Mieten kann jedoch bei Mieterwechsel durchgesetzt werden. Verdrängt wer- den dadurch also nicht konkrete Bewohner, sondern eine niedrige Einkommensschicht. In Quartieren, in denen die Mieter häufig wechseln, kann sich Gentrification rascher vollziehen als in Quartieren, wo wenig Bewegung zu beobachten ist. „Verdrängung“ heißt, dass hier ein Machtkampf stattfindet, d. h., dass eine Konkurrenz um Wohn- möglichkeiten in einem Quartier zwischen Haus- halten mit ungleichen Ressourcen besteht. In einer Marktwirtschaft entscheidet dann vor allem die Verfügung über Geld darüber, wer zu den Gewin- nern und wer zu den Verlierern zählt. Und das ist der zentrale Konflikt in solchen Quartieren, wo sich über längere Zeiträume ein bestimmtes Milieu bzw. eine „alternative“ Stadtteilkultur herausgebil- det hat, der durch ökonomische Macht der Boden entzogen wird. Solche „Kämpfe um den Raum“ finden üblicher- weise in den innenstadtnahen Altbauquartieren der großen Städte statt. In diese sind, nachdem die früheren Bewohner (Arbeiter und kleine Ange- stellte), soweit sie es sich leisten konnten, in die Neubaugebiete oder ins Eigenheim am Stadtrand umgezogen waren, Studenten, Künstler oder kul- turelle Aktivisten zugezogen und haben eine „Szene“ aus Gastronomie, Gewerbe und Kultur- angeboten geschaffen, die sich in seiner Vielfalt und in seiner experimentellen Phantasie deutlich vom Mainstream des durchschnittlichen Infra- strukturangebots in der Innenstadt oder den Ein- kaufszentren unterscheidet. Ungenutzte Läden, Gewerberäume in den Hinterhöfen und billige Wohnungen boten dafür die räumlichen Gelegen- heiten. Von den Ordnung und Sauberkeit lieben- den Einheimischen wurden diese Viertel gemieden, daher waren sie auch bevorzugte Wohnorte für Migranten, die ja immer das nehmen mussten, was ihnen die einheimische Bevölkerung übrig ließ. Als Reste aus dem 19. Jahrhundert boten sie Nischen, in denen sich eine politisch oder kulturell kreative Energie entfalten konnte. „Szene“ und Migranten konnten nebeneinander her leben, ohne viel miteinander zu tun zu haben. So entstand eine lebendige und meist multikultu- relle Mischung, die den Vorstellungen von einem urbanen Quartier sehr viel näherkommt, als es in den reinen Wohngebieten der Fall ist, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind, und die inzwi- schen das Wohnungsangebot in den Städten deut- lich dominieren. Zur Konkurrenz, zum „Kampf um den Raum“ in den Altbaugebieten, kam es durch den Wandel der Lebensstile auch bei den (höheren) Einkommens- schichten, für die früher nach Abschluss der (ge- hobenen) Berufsausbildung die Gründung einer Familie und der Umzug in ein Familienheim selbst- verständlich war. Dort waltete im Stillen die Haus- frau, der Mann pendelte zur Arbeit in die Stadt und brachte das Geld nach Hause. Dieses Wohn- modell hat inzwischen durch die – eng mit der Bildungsexpansion verbundene – Emanzipation der Frauen erheblich an Attraktivität verloren. Die- ses Hausfrauenmodell ist zum Auslaufmodell ge- worden. Die Abiturientenrate ist unter Frauen inzwischen sogar höher als unter Männern – und unter ver- änderten Arbeitsmarktbedingungen hangeln sie
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