Handbuch 5. Auflage

170 Dewe  Fälle – unabhängig davon, ob es sich um mikrolo- gische Interaktionssequenzen, berufspraktische Krisen oder ganze biografische Verläufe han- delt – müssen „vorgefallen“ sein. Entscheidungen, besonders solche, die situativ und ad hoc unter Handlungsdruck getroffen werden, entziehen sich dem prospektiven Zugriff des Beraters. Beratungsforschung im Kontext sozialpädagogischen Handelns Beratung hat in der Sozialarbeit und Sozialpäd­ agogik bereits eine gesicherte Tradition. Schon frühe Ansätze zur Entwicklung eines professionel- len Selbstverständnisses der sozialen Arbeit de- finieren Beratung als eine Arbeitsform, die, so Mollenhauer bereits 1965 – „ein durchgehendes Moment aller sozialpädagogischen Erziehungs- tätigkeit“ (38), d. h., nicht nur Sache spezifischer Institutionen sei. Die Notwendigkeit von Bera- tung führte Mollenhauer seinerzeit darauf zurück, dass durch Prozesse der Enttraditionalisierung Er- ziehung in modernen Gesellschaften ein „schwie- riges Geschäft“ geworden sei, zu dessen Bewälti- gung die naturwüchsigen Regeln tradierter Erziehungspraxis nicht länger hinreichend sind. Beratung wird deshalb begriffen als „eine wesentli- che Funktion jedes sozialpädagogischen Erzie- hens“ (Mollenhauer 1964, 147) und als ein cha- rakteristischer Bestandteil der Tätigkeit des Sozialpädagogen (Mollenhauer 1964). Letzteres ist in Zusammenhang damit zu sehen, dass gegen- über der gängigen Unterteilung sozialpädagogi- scher Handlungsformen in Einzelfallhilfe, Grup- penarbeit und Gemeinwesenarbeit Beratung nicht als eigenständige Arbeitsform diskutiert wird, son- dern als Methode der Einzelfallhilfe zugeordnet und damit zumindest implizit in die Nähe von psychotherapeutischen Methoden der Gesprächs- führung gestellt wird (Meinhold / Guski 1987; Satir 1991). Beratung stellt sich in dieser Perspek- tive als eine Arbeitsform dar, die im Verdacht steht, „trivialisierte Therapie“ (Bude 1988) zu sein, also Ausübung einer Form beruflichen Han- delns, für die SozialarbeiterInnen / Sozialpädagog­ Innen über nur unzureichende entwickelte beruf­ liche Kompetenzen verfügen und die deshalb in der Gefahr steht, die Grenze von pädagogischem und therapeutischem Handeln in unzulässiger Weise zu überschreiten. Das quantitativ umfangreiche Fort- bildungsangebot an Techniken der psychotherapeu- tischen Gesprächsführung für SozialarbeiterIn- nen/SozialpädagogInnen ist Ausdruck eines solchen defizitorientierten Verständnisses von Beratung als quasi-therapeutischer Methode, als „kleine Thera- pie“ (Dietrich 1983). Demgegenüber zielen die diesbezüglichen Studien im Kontext der Beratungsforschung darauf ab, Be- ratung als eine Form beruflichen Handelns zu re- konstruieren, die Eigenständigkeit gegenüber psy- chotherapeutischen Konzepten besonders in der Familienhilfe beanspruchen kann. Wird Beratung als kommunikative Gattung gefasst, so liegt ein solches Verständnis quer zu der Einteilung von Methoden der Einzelfall, Gruppen- und Gemein- wesenarbeit. Damit wird es möglich, professions- politische Abgrenzungsdiskurse zwischen psycho- therapeutisch und sozialpädagogisch orientierter Einzelfallhilfe zu überschreiten, d. h. die Debatte um Formen der Beratung systematisch auf Ana- lysen der Struktur dieser Kommunikationsform (Dewe 1991a) zu beziehen. Rekonstruktiv betrachtet kann sozialpädagogische Beratung gegenüber möglichen anderen Beratungs- formen mit dem Dialogpartner im Beratungspro- zess ohne Inanspruchnahme einer wie auch immer gearteten Defizithypothese ein von ihm artikulier- tes Problem bearbeiten. Das Ziel kann das Auffin- den von alternativen Lösungswegen mittels der Hervorbringung neuer Qualitäten im Umgang mit dem in Rede stehenden Problem sein. Der zu Bera- tende findet imErfolgsfall denWeg in die sozialpäd­ agogische Beratung in der Regel dadurch, dass er Alternativen zum bisherigen (habitualisierten) Pro- blemumgang sucht und ihm daraufhin Perspekti- ven geboten werden, die ihn umsichtiger agieren lassen, indem sie ihn bilden. Das prospektive, Problemlösungskraft generie- rende, also animative Potenzial sozialpädagogischer Beratung ist dabei allerdings verwiesen auf das si- tuative Aufspüren des „fruchtbaren Moments“ (Copei) im Prozess der Beratung. Diese Bezüglich- keit ist nur empirisch überprüfbar. Hierin unter- scheidet sie sich von solchen Formen beratenden Handelns, die rehabilitativen, kompensatorischen, retrospektiv-substitutiven, aber auch funktionalis- tischen Maximen gehorchen. Einen ersten Versuch, Beratung als eine besondere Form sozialpädagogischen Handelns zu analysie-

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