Handbuch 5. Auflage
Stadtentwicklung 1691 sich oft ebenso von einem prekären Arbeitsver- hältnis zum nächsten wie ihre Lebenspartner. Die persönlichen Arrangements werden dadurch ebenso prekär. Langfristige Planung ist kaum noch möglich, die Verwobenheit in berufzentrierte Kommunikationsnetze dagegen oft existenznot- wendig. Daher hat die Zahl derer zugenommen, die eine Wohnung in den multifunktionalen, in- nerstädtischen Altbaugebieten suchen – und es ist nicht mehr primär das Einkommen, das für die Wahl der Wohngegend entscheidend ist. Mit der Präferenz für urbane Viertel treffen nun ähnliche Lebensstile mit unterschiedlicher Finanz- ausstattung aufeinander. Investoren sehen nun neue Renditemöglichkeiten im Altbaubereich: Sie können in die alten Mietshäuser investieren und wissen, dass sich später eine zahlungsfähige und zahlungsbereite Nachfrage findet, die diese Investi- tionen rentabel macht. Der Wandel, der durch „die Szene“ herbeigeführt wurde, wird von den Eigen- tümern bzw. Investoren aufgegriffen und forciert, indem sie mit legalen und oft auch nicht ganz lega- len Mitteln die ärmeren „Pionier“-Bewohner los- werden wollen, den Bestand massiv aufwerten und anschließend an Bewohner mit höheren Einkom- men vermieten oder verkaufen. Das kulturelle Kapital der ersten Aufwertungs-Ge- neration ist dem ökonomischen Kapital der beruf- lich Erfolgreichen unterlegen. Die kulturelle Revo- lution der Viertel frisst ihre Kinder. Diese haben den Weg in einen neuen Verwertungszyklus geeb- net, können ihn aber nicht mehr mitgehen. Wo das der Fall ist, entstehen öffentliche Konflikt- zonen. Denn die, deren Wohn- und Aktionsräume nun bedroht sind, sind artikulations- und organisa- tionsfähig. Auf ihre kulturelle Leistung, aus einem von der Mehrheit gemiedenen ein für nicht-bürger- liche Minderheiten attraktives Quartier geschaffen zu haben, können sie zwar stolz sein, aber ihre Räume verengen sich, und ihre Kultur wird ver- drängt. Dass mit dieser Verdrängung auch eine Ver- schiebung der für arme Haushalte zugänglichen Wohnorte verbunden ist, macht die Gentrification zu einem sozialpolitischen Skandalon. Denn diese werden in eher peripher gelegene Gegenden abge- schoben, wo sie immer mehr unter sich bleiben müssen. Die Armut wandert in der Folge an den Rand in die heute weniger begehrten Wohnsied- lungen aus den 1960er und 1970er Jahren. Die Stadt wird so stärker fragmentiert und polarisiert. Die Aufwertung von Quartieren hat zwei Seiten: einerseits geht es um den berechtigten Wunsch von Mietern, in einer Wohnung und Umgebung, in der sie bleiben wollen, auch bleiben zu können. Unsere Rechtsordnung kennt aber kein „Recht auf Immo- bilität“, d. h., dass niemand verlangen kann, den vorhandenen Wohnungsstandard zu konservieren und bei niedriger Miete wohnen bleiben zu kön- nen. Die Eigentümer haben das Recht, eine Woh- nung auf ein „zeitgemäßes“ Niveau auch gegen den Willen der Mieter zu „modernisieren“ und dafür die Kosten auf die Miete umzulegen. Außerdem hat der Eigentümer das Recht auf Kündigung bei „Eigenbedarf“ – ein recht flexibel einsetzbares In- strument zur Vertreibung von unerwünschten Mietern. Andererseits ist eine sozial ausgewogene Sozial- struktur innerhalb der Stadt das Thema. Dabei gibt es ein öffentliches Interesse daran, hohe Kon- zentrationen von Haushalten mit multiplen sozia- len Problemen zu vermeiden, um keine Quartiere entstehen zu lassen, die zur sozialen Ausgrenzung ihrer Bewohner beitragen. Wenn die Stadtpolitik aus diesem Grund, und auch, weil ihre Kaufkraft zu einem Angebot in den Läden und bei Dienst- leistungen beiträgt, das für alle nutzbar ist, den Zu- zug von Bewohnern mit höherem Einkommen und höherem Bildungsstand akzeptiert, müsste sie allerdings gleichzeitig für Wohnmöglichkeiten für unterprivilegierte Haushalte in allen Teilen der Stadt sorgen. Das wäre z. B. durch den Neubau von öffentlich geförderten Wohnungen, durch eine ge- zielte Belegungspolitik der kommunalen Woh- nungsbaugesellschaften auch in attraktiven Wohn- gegenden oder durch die Förderung von Selbsthilfe bzw. Baugenossenschaften möglich. Die Quartierspolitik steht vor einem ähnlichen Di- lemma wie der Zauberlehrling in Goethes Gedicht, aus dem es bisher keinen überzeugenden Ausweg gibt: Wird mit guten Gründen und guten Absich- ten die Modernisierungs- und Neubautätigkeit in einem Gebiet erfolgreich angereizt, das bisher von sozialen Problemen dominiert war, gibt es kaum mehr Möglichkeiten, den in Gang gekommenen Aufwärtstrend zu steuern, um eine durchgängige Gentrification zu vermeiden. Die Widersprüche zwischen einer an den Bedürfnissen bedürftiger Haushalte orientierten Quartiersentwicklung und einer Steuerung derWohnungsversorgung vor allem über Marktprozesse stellen immer wieder eine He-
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