Handbuch 5. Auflage
Subjekt und Autonomie 1697 und kulturinvariante Struktur des erkennenden und lernenden Subjekts postulieren und explizie- ren. Eine solche Explikation mag schwierig und strittig sein, aus dieser Schwierigkeit und Strittig- keit folgt dann aber nicht, dass die Annahme einer solchen Subjektkonzeption unsinnig sei. Vielmehr gehen Vertreter des Subjektbegriffs davon aus, dass eine (immer kritisierbare) Rekonstruktion der all- gemeinen Struktur des Subjekts denknotwendig vorausgesetzt werden muss, um überhaupt die Bil- dung des Individuums und die Veränderung von Gesellschaft erklären zu können. Es handelt sich in dieser Perspektive um eine transzendentalanalyti- sche Argumentation, die die Bedingung der Mög- lichkeit von Bildungsprozessen und gesellschaftli- chem Wandel ausbuchstabiert. Wenn Bildung nicht bloß vorgestellt werden soll als stumpfe Über- nahme des Gegebenen und wenn gesellschaftlicher Wandel mehr sein soll als die bloß zufällige Evolu- tion sozialer Strukturen, sondern als von Indivi- duen getragen gedacht werden soll, dann erscheint die Konzeption eines mit kreativem Handlungs- potenzial ausgestatteten, autonom handlungsfähi- gen Subjekts denknotwendig (Geulen 2002, 84). Von epistemischen Überlegungen zur allgemeinen Struktur des Subjekts sind Überlegungen zu unter- scheiden, die mitunter normativ die idealtypischen Eigenschaften von Autonomie beschreiben. Das epistemische Subjekt steht zum idealtypischen Subjekt im Verhältnis von Allgemeinem und Be- sonderem. Erst auf Grundlage der Explikation der allgemeinen Strukturbedingungen des autonomen Subjekts können dann zeit- und kulturspezifische Konzeptionen, Vorstellungen und Ideale des Sub- jekts beschrieben werden. Es ist schwierig, zu diffe- renzieren, welche Eigenschaften der Ebene des all- gemeinen Subjekts und welche der Ebene der besonderen Person zuzuordnen sind. Zudem sind Rekonstruktionen des allgemeinen oder idealtypi- schen Subjekts immer fallibel. Als zeitgenössisches Ideal der Person kann das autonom handlungs- fähige, mit sich selbst identische Subjekt gelten, wie es dem Denken der europäischen Aufklärung und des deutschen Idealismus zugeschrieben wird. Demnach ist das voll sozialisierte Individuum be- fähigt, selbstständig die Welt zu erkennen, ■ ■ sich selbst und sein Denken zu objektivieren und ■ ■ sich so seiner Identität zu vergegenwärtigen, in moralischen Situationen Handlungsalternativen ■ ■ gegeneinander abzuwägen und sich mit intersub- jektiv nachvollziehbaren Gründen zu entscheiden, sich auf andere Subjekte und deren Interessen zu ■ ■ beziehen, sich direkt mit anderen in vernünftiger Kommuni- ■ ■ kation zu verständigen, sich selbst bzw. die Gemeinschaft der Subjekte auf ■ ■ der Basis solcher Kommunikation als Autor seines Handelns bzw. im kollektiven Sinne als „Subjekt der Geschichte“ zu verstehen (Geulen 1999, 25 f.). Vor dem Hintergrund der Explikation des episte- mischen Subjekts und des idealtypischen Subjekts kann dann das konkrete, empirische Subjekt, das einzelne Individuum untersucht werden, wie es den Geistes- und Sozialwissenschaften etwa in Er- fahrungsbeschreibungen aus der sozialpädagogi- schen Praxis oder in Tagebuchaufzeichnungen und biografischen Erzählungen begegnet. Epistemische Modelle des autonomen Subjekts In jüngerer Zeit hat sich vor allem im angelsächsi- schen Sprachraum eine lebhafte Debatte um den Autonomiebegriff gebildet, in der die allgemeine Struktur des autonomen Subjekts in formalen Mo- dellen zu entfalten versucht wird. In dieser Debatte werden für gewöhnlich prozedurale und substan- tielle Theorien unterschieden. Prozedurale Theo- rien konzipieren Autonomie unabhängig von den Präferenzen der Person, während in substantialen Theorien für die Zuschreibung von Autonomie entscheidend ist, was Inhalt dieser Präferenzen ist (Taylor 2005; Christman / Anderson 2005). Die meisten Theorien von Autonomie sind prozedural angelegt. Hier lassen sich wieder strukturale von historischen Theorien unterscheiden, je nachdem, ob sie Autonomie an die Struktur oder die Genese von Präferenzen binden. Struktural-prozedurale Theorien bestimmen Autonomie über die Art und Weise, wie verschiedene Präferenzen zueinander in Beziehung stehen. Historisch-prozedurale Theo- rien bestimmen Autonomie darüber hinaus über die Art und Weise, wie Präferenzen zustande kom- men.
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