Handbuch 5. Auflage
Subjekt und Autonomie 1699 werden. Es ist durchaus denkbar, dass in manchen Fällen die Präferenzen erster Ordnung viel eher die Selbstgesetzgebung der Person repräsentieren, während höherstufige Präferenzen in stärkerem Maße als Produkt von sozialen Konformitätszwän- gen und Widerspiegelungen historisch kontingen- ter Diskursformationen anzusehen sind. Vielleicht entfernen wir uns häufig durch die Reflexion, die sich ja zunehmend in einem bestimmten, nämlich versozialwissenschaftlichten diskursiven Raum vollzieht, von jenen Präferenzen erster Ordnung, die in unserer tätigen Praxis situiert sind und inso- fern viel eher unser „wahres“ Selbst repräsentieren. Umgekehrt ist natürlich auch diese tätige Praxis immer schon diskursiv konstituiert. Daher wäre es vielleicht angemessener in einem alternativen Mo- dell das Selbst dialogisch zu fassen, etwa dadurch, dass kritische Reflexion nicht bloß konzipiert wird als Bewertung von Präferenzen durch eine höhere kognitive Instanz, sondern auch umgekehrt als Be- wertung höherstufiger Präferenzen im Lichte hand- lungsnaher Orientierungen. Gemäß diesem so- genannten Integrations-Modell kann eine Person dann als autonom bezeichnet werden, wenn ihr die wechselseitige Integration von Präferenzen unter- schiedlicher Ebenen gelingt (Friedman 1986). Gegen die Lösung, den Regress durch ein horizon- tales Konsistenzkriterium auf der reflexiven Ebene abzubrechen, kann eingewendet werden, dass sie kontraintuitive Schlussfolgerungen ermöglicht. Die Fähigkeit, auf der Ebene der Wünsche zweiter Ordnung Konflikte beizulegen, könnte Ergebnis von Indoktrination, Manipulation, eines repressi- ven Sozialisationsprozesses oder einfach Ausdruck eines in sich problematischen Zeitgeistes oder von herrschaftsförmigen Dispositiven sein, so dass sich die Person mit widrigen sozialen Umständen ar- rangiert und mit eigenen Entscheidungen, die diese Umstände in Takt lassen, identifiziert. Eine solche Person gälte der Theorie als autonom, weil sie sich ungeteilt entscheiden kann, obwohl die Fä- higkeit zur ungeteilten Entscheidung für und Iden- tifikation mit einem Übel hier gerade von einem Mangel an Autonomie zeugt. Wir haben es hier mit „adaptiver Präferenzbildung“ (Nussbaum 1990, 40 ff.; Sen 1985, 191 f.) zu tun, die struk- tural-prozedurale Theorien nicht handhaben kön- nen. Mit der adaptiven Präferenzbildung ist das Phänomen gemeint, dass Menschen, die unter de- privierten Bedingungen leben bzw. unter depri- vierten Bedingungen aufgewachsen sind, häufig gar keine Wünsche artikulieren können, die über ihre Situation hinausweisen. Das kann darin be- gründet liegen, dass sie keinen Vergleichsmaßstab zu ihrer eigenen miserablen Lebenssituation haben oder weil sie restringierende Wertvorstellungen, also herrschaftsstabilisierende Ideologien so stark internalisiert haben, dass sie ihre eigene Lebenslage sogar als angemessen erleben. In der Literatur fir- miert dieses Phänomen auch unter dem Label des „glücklichen Sklaven“, für den das höchste Glück in der Verlängerung von Arbeitspausen besteht, oder der „gefügigen Hausfrau“, die das höchste Glück in dem neu erworbenen Geschirrspüler fin- det. Historisch-Prozedurale Theorien Insbesondere der Adaptive-Präferenzen-Einwand hat dazu geführt, die prozeduralen Theorien um eine historische Dimension zu erweitern. Ins- besondere Gerald Dworkin (1988) und John Christman (1991; 2007) haben solche historisch- prozedurale Theorien von Autonomie entwickelt. Gemeinsam ist ihnen die Auffassung, dass es un- zureichend ist, kritische Reflexion ausschließlich in Form einer Struktur (etwa von hierarchischen ko- gnitiven Instanzen) zu konzipieren, sondern als ein Prozess betrachtet werden sollte, der bestimmten Kriterien genügen muss, damit wir der Person Au- tonomie zusprechen können. Autonomiebedin- gung ist nun nicht mehr, dass die Person (auf der Ebene zweiter Ordnung) mit ihren eigenen Wün- schen (erster Ordnung) in Einklang stehen muss, sondern dass sie mit dem Prozess, der den Wunsch hervorgebracht hat, einverstanden ist. Personen gelten historisch-prozeduralen Theorien dann als autonom, sofern der Reflexionsprozess nicht auf illegitime Weise extern beeinflusst worden, also durch Prozesse der Indoktrination oder ideologi- schen Sozialisation erzeugt worden ist (Christman 1991). Strittig ist, inwiefern hier von der Theorie bereits ein „normaler“ oder wünschenswerter Sozialisati- onsprozess bzw. Subjektkonstitutionsprozess nor- mativ vorausgesetzt werden muss. Was unter- scheidet Bildungs-, Sozialisations-, Erziehungs-, Beratungs- und Hilfeprozesse, die (kausal) die Fä- higkeit zur Autonomie des Subjekts befördern
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