Handbuch 5. Auflage
1700 Schrödter bzw. die selbst Ausdruck von Autonomie sind, also Ausdruck eines autonomisierenden Subjekti- vierungsprozesses, von Prozessen der Manipula- tion? Welches sind die Kriterien, eine Beeinflus- sung als illegitim zu bezeichnen? John Christman hat vorgeschlagen, die Beeinflussung eines Refle- xionsprozesses als illegitim zu bezeichnen, wenn die Person die Beeinflussung ablehnt, sobald sie sich dieser Beeinflussung bewusst wird. So kann die Person entdecken, dass ihr strukturell Infor- mation oder die Möglichkeit zu Aneignung von Wissen vorenthalten oder sie von Dritten bezüg- lich eines relevanten Sachverhalts getäuscht wor- den ist, sie sich aber im Falle der Wohlinformiert- heit anders entschieden hätte. Gewissermaßen führen historische Theorien ein weiteres Konsis- tenzkriterium ein. Zusätzlich zum vertikalen Kri- terium (Einklang von Wunsch erster und zweiter Ordnung) und dem horizontalen Kriterium (Ein- klang der Wünsche zweiter Ordnung) bezeichnet das historische Kriterium den Einklang von Wün- schen in der Zeit. Aber auch hier stellt sich die Frage, wie die Theorie mit einem Fall umgeht, in dem die Beeinflussung sich auf die Bewertungsmaßstäbe selbst erstreckt, mit der die Person die Beeinflussung als wünschens- wert oder verwerflich einschätzt. Die Theorie muss dann kontrafaktische Bedingungen einführen, also etwa fordern, dass die Person unter idealen Bedin- gungen muss zustimmen können (Christman 1991). Eine weitere theoriestrategische Möglich- keit besteht darin, bestimmte Kompetenzen zu de- finieren, die gegeben sein müssen, damit wir einer Person Autonomie zusprechen können. Kom- petenz-Ansätze von Autonomie widmen sich dieser Explikation. Sie heben etwa die Fähigkeit der Per- son hervor, sein Inneres zu erkunden, seinem Han- deln Richtung geben und Handlungsziele und Le- benspläne definieren zu können (Meyers 1989). Auch hier wird wiederum ein bestimmtes Ideal vom Subjekt konstruiert, anhand dessen die Legi- timität von Subjektivierungsprozessen beurteilt werden kann. Rein strukturale Theorien der Auto- nomie scheinen ohne normative Subjektideale nicht möglich, die Ebene des allgemeinen Subjekts ohne die Ebene der besonderen Person nicht ver- ständlich zu sein. Viele Autoren halten daher die Bedingungen, die strukturale Ansätze beschreiben, zwar für notwendig nicht aber für hinreichend da- für, dass wir einer Person Autonomie zusprechen können. Sog. substantiale Theorien von Auto- nomie widmen sich diesen inhaltlich gehaltvollen Bedingungen von Autonomie. Substantiale Theorien Substantiale Theorien von Autonomie stehen nicht in einer Frontstellung zu prozeduralen Theorien, sondern heben die von diesen vernachlässigte nor- mative Dimension von Autonomie hervor. Sie ex- plizieren zentrale Normen und Werte, die eine au- tonome Person und auch die sozialen Bedingungen, in die die Person eingebettet ist, erfüllen muss, um ihr Autonomie zusprechen zu können. Dieser As- pekt wird in jüngerer Zeit vor allem von Theorien zur Handlungsmächtigkeit (agency) in der Tradi- tion der Cultural Studies betont. Solche Theorien gehen von der theorieprogrammatischen For- schungsperspektive aus, in der „Handlungsmäch- tigkeit“ als strategisches Forschungskonzept dient, welches die Eigenaktivität der Akteure stärker in den Blick nimmt, die von einseitig strukturalisti- schen Ansätzen vernachlässigt wurde. Vor diesem Hintergrund untersuchen Agency-Ansätze empi- risch vor allem die strukturellen oder diskursiven Möglichkeiten von Individuen, die sie etwa in öko- nomischen, politischen, religiösen, kulturellen, or- ganisationalen oder rechtlichen Zusammenhängen zum Handeln befähigen oder hierin beschränken (Buckingham 2000; Bhabha 1994; Giroux 1992; für die Soziale Arbeit: Homfeldt et al. 2008). Während substantialistische Konzepte von Auto- nomie aus den Cultural Studies vor allem in der qualitativen sozialpädagogischen Forschung zu- nehmende Beachtung finden, beginnt sich die quantitative sozialpädagogische Forschung den normativ gehaltvollen empirischen Modellen von Selbstdetermination aus der sozialpsychologischen Forschung (Deci / Ryan 1987; Deci / Ryan 1985) zuzuwenden. Darin findet sich derzeit eine wohl begründete empirische Operationalisierung per- sonaler Autonomie (Chirkov 2009). Dabei ist das Konstrukt der Autonomie im Rahmen der Selbst- determinationstheorie zu unterscheiden von dem der Selbstwirksamkeitserwartung (self-efficacy, siehe Bandura 1998), die sich lediglich auf die sub- jektive Überzeugung des Individuums bezieht, an- gesichts von Hindernissen in spezifischen Situatio- nen ein bestimmtes Ziel effektiv erreichen zu
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