Handbuch 5. Auflage

Sucht und Rausch 1707 anderen substanzungebundenen Suchtformen lie- gen noch keine substantiellen Untersuchungen vor. Rausch, Sucht und Abhängigkeit Die Beschäftigung mit Sucht ist bei der Bestim- mung ihres Problemfelds mit einer doppelten Schwierigkeit konfrontiert: Erstens ist unklar, bei welchen Formen des Substanzkonsums und bei welchen Formen exzessiven Verhaltens von Sucht gesprochen werden kann, da prinzipiell jedes Ver- halten eine suchtförmige Gestalt annehmen kann und zugleich die Grenze zwischen normalem und süchtigem Verhalten schwer zu ziehen ist. Sucht er- scheint als andere Seite des Normalverhaltens in einer Gesellschaft, die insgesamt von einer „Sucht­ struktur“ geprägt ist (v. Wolffersdorff 2005, 336 f.). Zweitens strebt niemand bewusst „Suchtverhalten“ an, sondern Sucht entsteht in einem meist lang- dauernden Prozess unter der Hand als Folge ande- rer Handlungsintentionen. Die Suchtgefährdung muss also aus anders intendierten Handlungen und Alltagspraxen konstruiert werden. Schetsche erläutert am Beispiel der Internetsucht, dass den Betroffenen erst in einem Akt der Problemdeutung ihr Status als „Problemopfer“ deutlich gemacht werden muss (Schetsche 2007, 122). Im Hinblick auf substanzbezogene Suchtformen muss zwischen Substanzkonsum und Sucht unter- schieden werden. Der Substanzkonsum zielt nicht auf Sucht, sondern auf Rauscherfahrungen. Das Bedürfnis nach „Rausch“, nach aus dem Alltag herausgehobenen Erfahrungen, die gruppenbil- dende und gemeinschaftsstabilisierende Funktio- nen haben, scheint ein in allen Gesellschaften auf- findbares Menschheitsphänomen zu sein (Sting 2004a). Auch in unserer Gesellschaft spielt der Rausch eine bedeutende Rolle, was an der Aus- breitung der Kulturdroge Alkohol sichtbar wird. Doch seit den Anfängen der modernen Gesell- schaft unterliegt er einer Tabuisierung, da er das Idealbild des nüchtern-autonomen und rational- abwägenden Menschen in Frage stellt (Schneider 1994, 30 f.). Es gibt Indizien dafür, dass sich das Bedürfnis nach Rauscherfahrungen bei Jugendlichen im Kontext des gesellschaftlichen Wandels verstärkt. Dem Sub- stanzkonsum wird schon seit Längerem eine spezi- fische Funktionalität bei der Bewältigung von Ent- wicklungsaufgaben im Jugendalter zugeschrieben: Z. B. kann er die Ablösung vom Elternhaus unter- stützen, Zugang und Zugehörigkeit zu Gleichalt- rigengruppen vermitteln, körperliche Selbst- und Grenzerfahrungen ermöglichen, zur Auseinander- setzung mit gesellschaftlichen Wert- und Norm- vorstellungen führen und so zur Identitätsentwick- lung beitragen (Kastner / Silbereisen 1988; Leppin et al. 2000, 11). Nach Jungaberle werden Rausch- erfahrungen gezielt herbeigeführt und zugleich mittels unterschiedlicher Strategien kontrolliert. Die vorherrschende Darstellung des Rauschs als „unkontrollierbar“ widerspricht der alltäglichen Erfahrung mit Alkohol und wirkt als Botschaft an Experimentier- oder Gelegenheitskonsumenten von illegalen Drogen demotivierend (Jungaberle 2007, 186, 178). Eine Tübinger Studie zum ju- gendlichen Rauschtrinken zeigt, dass die Kontrolle des Alkoholkonsums ein wesentliches Moment der Organisation von Trinkereignissen darstellt (Insti- tut für Erziehungswissenschaft 2009, 20 f.). Rauscherfahrungen werden meist in spezifische Situationen und Gruppenzusammenhänge (set- ting) eingebettet und mit besonderen Erwartungs- haltungen und Stimmungen (set) wie Entspan- nung, Feiern, Spaß und Geselligkeit verknüpft, die die Substanzwirkung wesentlich beeinflussen. Das Zusammensein mit anderen, das Gemeinschafts- erlebnis macht den eigentlichen „Sinn“ des Rau- sches aus (Institut für Erziehungswissenschaft 2009, 20). In Peergroups findet eine „Sozialisation zur Droge“ statt, bei der Rituale für den Umgang mit Substanzen und Erklärungsmuster für Rausch- erlebnisse weitergegeben werden. Substanzkonsum kann als Aufnahmeritual und zur Markierung be- sonderer Situationen dienen (Blätter 2007, 84 f.). Die Einbindung des Rauschs in kollektive Rituale, die dem Rausch eine besondere Erfahrungsqualität verleihen und ihn mit der Entgrenzung des Selbst zugunsten intensiver Gruppenerlebnisse verbinden, lässt sich bis in die Anfänge des Alkoholgebrauchs in unserer Kultur zurückverfolgen (v. Wolffersdorff 2005, 329). Die Eigenschaft des Rauschs, temporäre Bewusst- seinsveränderungen hervorzurufen, prädestiniert ihn für die Gestaltung von sozialen Übergängen und Statuspassagen. Während in unserer Gesell- schaft allgemein verbindliche und gesellschaftlich vorgegebene Übergangsrituale weitgehend an

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