Handbuch 5. Auflage
1708 Sting Bedeutung verloren haben, müssen Heranwach- sende ihre Entwicklungsaufgaben im Rahmen ei- ner selbsttätigen Initiations- und Übergangsarbeit bewältigen. Die Übergangsarbeit erfolgt ange- sichts einer Vielfalt von Lebensoptionen zuneh- mend im „Selbstexperiment“. Das Eingehen von Risiken, wie sie Rauscherfahrungen im Hinblick auf ihre körperlichen, psychischen und sozialen Folgewirkungen enthalten, ist eine wesentliche Begleiterscheinung. „Risikoverhalten“ gilt des- halb als ein charakteristisches Merkmal für das Jugendalter und funktional für den Entwick- lungsprozess (Böhnisch 1999, 166 ff.). Zentrales Motiv von Rauscherfahrungen ist jedoch nicht das individuelle Risiko, sondern ihr sozialintegra- tiver Aspekt (Bartsch 2007, 219). Im Gegensatz zu Substanzkonsum und Rausch gelten „Sucht“ und „Abhängigkeit“ als eindeutig negativ besetzte Begriffe. Verhinderung von Sucht oder Abhängigkeit stellt die Kernaufgabe der Suchtprävention dar, wobei Sucht seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts als medizinisch beschreibbare „Krankheit“ betrachtet wird (Spode 1993, 127 ff.). Nolte weist nach, dass die „Krankheit Alkoholis- mus“ zum Leitmodell unserer heutigen „Sucht- Idee“ geworden ist, deren Elemente (progressiver Verlauf der Krankheit, Kontrollverlust, Abstinenz als therapeutisches Endziel, Gefahr des „Rück- falls“) auf andere Suchtformen übertragen werden (Nolte 2007, 53 ff.). Dem Suchtverständnis wohnt damit eine Tendenz zur Steigerung, zum Verfall und zum Kontroll- und Selbstverlust inne. Sucht wird heute unabhängig vom Substanzgebrauch als eine extreme oder exzessive Verhaltensweise ver- standen, deren wesentliches Kriterium das „Nicht- mehr-aufhören-können“ bzw. die „zwanghafte Wiederholung“ ist (Vief 1997, 891; Scheerer 1995, 35 f.). Um eine wissenschaftlich präzise Diagnose und Behandlung von Suchtproblemen zu ermöglichen, ersetzte die WHO im Jahr 1964 den Suchtbegriff durch die Begriffe „psychische“ und „physische Abhängigkeit“. Die internationalen medizinischen Klassifikationssysteme für die Bestimmung von Krankheiten (ICD-10 und DSM-IV) orientieren sich seither am Begriff der „Substanzabhängigkeit“. Die Kriterien für die medizinische Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung beruhen auf einer Wei- terentwicklung der mit dem Suchtbegriff verbun- denen Assoziationen. Nach DSM-IV müssen zur Diagnose einer Substanzabhängigkeit drei der fol- genden sieben Kriterien erfüllt sein: 1. Toleranz- entwicklung und Dosissteigerung; 2. Entzugs- symptome in konsumfreien Phasen; 3. stärkerer Konsum als intendiert; 4. Wunsch, den Konsum zu reduzieren oder einzustellen; 5. hoher Zeitauf- wand zur Beschaffung und Beschäftigung mit der Substanz; 6. Einschränkungen wichtiger berufli- cher und Freizeitaktivitäten; 7. anhaltender Kon- sum trotz wiederkehrender sozialer, psychischer oder körperlicher Probleme (Soellner 2000, 17). Im öffentlichen wie im Fachdiskurs konnte sich die Begriffsbestimmung der WHO nicht durchsetzen. Sucht und Abhängigkeit werden heute weitgehend synonym verwendet (Paetzold 2006, 19), wobei beide Begriffe aus der Perspektive der Suchtpräven- tion problematische Implikationen beinhalten. Der Begriff der „Substanzabhängigkeit“ befördert eine „pharmakozentrische Sichtweise“ (Scheerer 1995, 14), die die Droge mit ihren Wirkungen ins Zentrum rückt und die substanzungebundene Suchtformen unterschätzt. Zugleich wird die Orientierung an der Modellsucht Alkoholismus nicht aufgegeben, was zur Unterbewertung von Suchtformen wie Tabakabhängigkeit oder proble- matischem Cannabiskonsum führt (Sting 2004b, 229). Darüber hinaus sind die Indikatoren der Klassifikationssysteme nicht neutral, sondern wert- und normabhängig (Dollinger / Schmidt-Semisch 2007b, 11). Schließlich widerspricht die Möglich- keit der „Selbstheilung“, der abrupten selbst- bestimmten Beendigung des Konsums, die neben dem Ausstieg aus dem Tabakkonsum vor allem bei Konsumenten illegaler Drogen im jungen Erwach- senenalter auftritt und häufig mit biographischen Einschnitten wie Berufseintritt, Familiengründung oder beginnender Elternschaft einhergeht (We- ber / Schneider 1997, 253 ff.), dem Bild des zwang- haften und progressiven Krankheitsverlaufs. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wird gegen das vorherrschende, medizinisch dominierte Bild von Sucht und Abhängigkeit eingewendet, dass es als „self-fulfilling-prophecy“ das Selbsterleben und die Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen prä- formiert und diesen kaum Chancen für eine selbst- tätige Überwindung ihrer Situation eröffnet (Dol- linger / Schmidt-Semisch 2007a; Nolte 2007, 53 f.). Insbesondere der Begriff der Abhängigkeit legt einen „passiven, schicksalshaft zu erduldenden Krankheitsprozess“ nahe, während der Suchtbegriff
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=