Handbuch 5. Auflage

Sucht und Rausch 1709 zumindest noch aktive Anteile und Spielräume für Handlungsentscheidungen andeutet (Paetzold 2006, 20 f.). Suchtprozesse sind demgegenüber als komplexe und heterogene biographische Verläufe zu betrachten. Sie beinhalten ein ständiges Auf und Ab mit Höhepunkten und konsumfreien Phasen, das immer wieder Entscheidungsprozesse der Be- troffenen zulässt. Ähnlich vielfältig wie die Sucht- entwicklungen sind die potenziellen Suchtursa- chen. Sie lassen sich im Schema des „Suchtdreiecks“ bzw. der „Trias der Suchtursachen“ verorten (Sting / Blum 2003, 33 ff.) und errichten ein kom- plexes Raster, bestehend aus person-, umwelt- und substanzbezogenen Einflussfaktoren, aus dem je individuelle Konstellationen von Sucht abzuleiten sind. Die Frage, ob und wie Sucht entsteht, hängt jeweils auch von aktuellen Entscheidungen, Hand- lungsoptionen und Bewältigungsformen ab (Stein- Hilbers 2007, 41). Die Erklärung von Suchtent- wicklungen ist damit auf ein am einzelnen Subjekt orientiertes „biographisches Verstehen“ angewiesen (v. Wolffersdorff 2005, 335). Suchtprävention und Suchtrehabilitation Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, die sich mit Suchtproblemen auseinandersetzen, finden sich im Bereich der Suchtprävention und Suchtrehabilita- tion. Ausgehend von den Prämissen, dass sich im Kindes- und Jugendalter für den weiteren Lebens- verlauf handlungsbestimmende Lebensstile ausbil- den und dass Prävention zur Vermeidung von Pro- blemeskalationen möglichst frühzeitig ansetzen soll, richten sich die meisten Angebote der Sucht- prävention an Kinder und Jugendliche. In der suchtpräventiven Praxis werden unterschied- liche Konzepte und Strategien verfolgt, die von verschiedenen Wirkungskonstellationen im Hin- blick auf Suchtentwicklungen und die Möglichkeit der Suchtvorbeugung ausgehen. Am meisten ver- breitet sind Strategien, die durch die Vermittlung von Informationen undWissen über dieWirkungs- weisen von Substanzen und über die Anzeichen und Gefahren von Sucht aufklären wollen (BZgA 2007, 17). Die klassische Aufklärungsstrategie, die auf die Rationalität von Argumenten und eine rein kognitive Beeinflussung der Einstellungen und des Handelns setzt, wird häufig durch emotional aus- gerichtete negative Botschaften bzw. „Furchtap- pelle“ ergänzt, die vor unerwünschtem Verhalten abschrecken sollen (Sting / Blum 2003, 70 f.). Eva- luationen belegen, dass Informationsstrategien re- lativ wirkungslos sind (Bühler /Kröger 2006, 61). Aus einer übergreifenden gesundheitsfördernden Perspektive erscheint das Operieren mit Angst und Abschreckung fragwürdig, da es durch eine Über- zeichnung von Risiken und Gefahren einer positi- ven, auf Selbstvertrauen, Autonomie und Kohärenz basierenden Entwicklung von Kindern und Ju- gendlichen entgegensteht. Ein weit verbreitetes Konzept sind Aktivitäten zur Lebenskompetenzförderung, die auf die Stärkung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit, auf die Förderung sozialer und kommunikativer Kom- petenzen sowie auf Widerstandsfähigkeit und Be- wältigungsfertigkeiten zielen. Lebenskompetenz- programme werden bereits bei Kleinkindern sowie im familiären Kontext eingesetzt; sie gelten für die Primärprävention im Vorfeld von Konsumerfah- rungen oder potenziellen Suchtentwicklungen als geeignet, werden aber auch im Jugendalter umge- setzt. Als Beitrag zu einer positiven Entwicklung können sie ein bereicherndes Element von Erzie- hungs- und Bildungsprozessen sein, wobei häufig die Grenze zu generellen Vorstellungen von „guter Erziehung“ fließend ist. Daneben existieren spezi- fische Programme, die aus lerntheoretisch und ver- haltenspsychologisch fundierten Trainingseinhei- ten bestehen und ein curricular strukturiertes, formales Bildungssetting erfordern. Aufgrund der Tatsache, dass alle Heranwachsen- den über die Schule erreichbar sind, findet der größte Teil der suchtpräventiven Aktivitäten in der Schule statt. Bauer bringt in diesem Zusam- menhang allerdings ein „Präventionsdilemma“ zum Vorschein, das darin besteht, dass suchtprä- ventive Angebote – ganz analog zu sonstigen schulischen Bildungsangeboten – sehr selektiv wahrgenommen werden. „Heranwachsende in sozial benachteiligter Lebenslage mit einem er- höhten Risiko der Ausbildung selbst- und fremd- schädigender Verhaltensweisen“ werden über die Schule besonders schwer erreicht (Bauer 2005, 14). Das spricht für die Einbeziehung der Sozia- len Arbeit in die schulische Suchtprävention (z. B. in Form von Kooperationen mit der Jugendarbeit oder Schulsozialarbeit) und für eigenständige suchtpräventive Angebote außerhalb des Settings

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