Handbuch 5. Auflage
Supervision 1715 Die erste Fortbildung für Supervision fand 1911 an der von Mary Richmond geleiteten „Russel Sage Stiftung“ statt. Trotz zunehmender Ausbildungs- gänge zum Casework etablierte sich Supervision auch als Ausbildungssupervision für Studierende (Kadushin 1990, 13). Als solche kam sie erstmalig nach Deutschland: 1920 bei der Ausbildung von Fürsorgerinnen an die Soziale Frauenschule in München, wenige Jahre später an die Wohlfahrts- schule in Jena (Belardi 2002, 19 f.). Dabei ging es neben Beziehungsthemen des beruflichen Han- delns auch um administrative und kontrollierende Aspekte. In den USA hat Supervision heute die drei Auf- gaben der Ausbildung und Anleitung von Studierenden 1. und Sozialarbeitern, der Administration, im Sinne „der Sorge um die 2. Ausführung einer Tätigkeit auf einem akzeptablen Niveau, quantitativ wie auch qualitativ“, und der Unterstützung und Motivation der Mitarbei- 3. tenden (20 f.). Dabei stand die „ausbildende Supervision, die sich in Richtung Therapie bewegt, in den 1920er und 1930er Jahren an erster Stelle“, während die Ent- wicklung der öffentlichenWohlfahrt in den 1980er Jahren „die administrativen Aspekte der Super- vision“ mit Kontrolle und Fachaufsicht in den Vor- dergrund rückte (Kadushin 1990, 16). Psychoanalytisch-therapeutische Einflüsse In den 1930er Jahren wurden die Methoden der Sozialarbeit in den USA zunächst durch Rank, später auch durch Freud psychoanalytisch beein- flusst (Belardi 1992, 36f.; 101 f.). So vorgeprägt kam Supervision nach dem zweiten Weltkrieg zur Unterstützung der Einzelhilfe nach Deutschland (2002, 22). Weitere Wurzeln der deutschen Super- vision sieht Belardi in der Balint-Gruppe (s. u.) und der (Schul-)Pädagogik (31). Durch die völlig andere soziokulturelle Situation in Deutschland und viele Widerstände der Sozial- arbeiter und ihrer Institutionen erfuhr Supervision eine grundlegende Veränderung (1992, 246). Vor- gesetzte waren häufig fachfremd (Juristen, Verwal- tungsfachleute, Ärzte), z.T. ehrenamtlich und zu einer inhaltlich-fachlichen Anleitung und Kon- trolle der Mitarbeiter nicht in der Lage. So wurde Supervision durch Spezialist(inn)en von außen oder auf Stabsstellen angeboten und der Aus- und Weiterbildung zugeordnet. Eine systematische Rückkoppelung der Arbeitsergebnisse (zur Quali- tätsentwicklung der Organisation) war durch das externe Setting kaum möglich. Etwa 1970 begann die bis heute anhaltende Expan- sion von Supervision und ihre Verbreitung in an- dere Arbeitsfelder. Methoden der Gruppensupervi- sion etablierten sich. Eine Kontroverse zwischen Vertretern systemkritischer und methodenorien- tierter Sozialarbeit entbrannte: Wo methodenorien- tierte Autoren Supervision als „Heilbringerin im trüben Berufsalltag“ sahen, „entlarvten“ systemkri- tische Positionen sie als entmündigendes „Anpas- sungsinstrument“ für Professionelle der Sozialen Arbeit und ihre Klienten an die „schlechte Wirk- lichkeit“. Ende der 1970er Jahre beginnt die Plura- lisierung und eine weitere Therapeutisierung von Supervisionsansätzen, bei der „Elemente aus Grup- pendynamik, Gestalttherapie, Psychodrama, Bio- energetik etc. eklektizistisch in die Supervisions- praxis eingeführt“ wurden, oft ohne sie angemessen an den Kontext der Supervision anzupassen (Gaert- ner 1996, 601). (Organisations-)soziologische und systemische Einflüsse Im Beginn der Gruppensupervision Ende der 1980er Jahre sehen Kersting und Neumann-Wirsig den ersten Schritt, Supervision aus „allzu enger therapeutischer Umarmung“ zu befreien (1996, 8). Es ist für sie eine „soziologische Phase“, weil hier betriebspsychologische und organisationssoziologi- sche Lerninhalte für Supervisor(inn)en relevant werden und es erste Bestrebungen gibt, die Team- Supervision hin zur Organisationsentwicklung zu ergänzen. Im Einzelnen verschiebt sich nun auch der Schwerpunkt der Supervision von der Ent- wicklung der Berufspersönlichkeit zur Entwick- lung der effektiveren Kooperation der Teammit- glieder. Anfang der 1990er Jahre beginnt eine intensive Diskussion um den Organisationsbezug von Su- pervision und systemischer Beratung. Die Nähe und Abgrenzung von Supervision zur Organisati-
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