Handbuch 5. Auflage

Systemtheorie und Soziale Arbeit 1725 anschießende Frage bezüglich Sozialer Arbeit lau- tet: Ist sie ein eigenständiges Funktionssystem der modernen Gesellschaft? Gegen die Autonomie der Sozialen Arbeit wird geltend gemacht, dass sie kein eigenständiges Funktionssystem sein könne, weil sie in allen gesellschaftlichen Teilsystemen an- zutreffen sei, es bestehe eine diffuse Allzuständig- keit (Stichweh 1994; Bommes / Scherr 2000). Die Verfechter einer Eigenständigkeit verweisen dem- gegenüber darauf, dass die Soziale Arbeit überall anzutreffen sein müsse, weil sie ihre Funktion ja für die gesamte Gesellschaft wahrnehme; dann und nur dann, wenn sie strukturell aus einem Bereich der Gesellschaft ausgeschlossen wäre, stünde ihre Autonomie in Frage. Worauf es ankommt, ist die Bestimmung ihrer gesellschaftlichen Funktion (Baecker 1994; Merten 1997). Codierung Codierungen ermöglichen einem Kommunikati- onssystem, Informationen zu erzeugen und zu ver- arbeiten. „Information ist dabei eine rein system- interne Form der Behandlung von Ereignissen (und nicht etwas, was in der Umwelt als Informa- tion schon vorhanden wäre und ohne Identitäts- verlust in das System übertragen werden könnte)“ (Luhmann 2005c, 15). Dabei stellt der Code nur zwei Werte zur Verfügung: einen Wert und dessen Negation. Diese binäre Codierung hat die Funk- tion, „alles, was zum Thema der Kommunikation werden kann, mit Hinweis auf andere Möglich- keiten auszustatten. Sie verabsolutiert, für ihren Anwendungsbereich, Kontingenz. Alles, was ist oder nicht ist, erscheint danach als weder notwen- dig noch unmöglich – zumindest auf dem Bild- schirm der Kommunikation“ (Luhmann 2005c, 14). Für das jeweilige System ist nunmehr für ein Fortbestehen entscheidend, dass weitere Kom- munikationen immer nur an den positiven Wert anschließen (können); der negative Wert dient als sog. Reflexionswert. Dritte Werte sind logisch aus- geschlossen, d. h. jemand ist entweder krank oder nicht krank, jemand zahlt oder zahlt nicht (Wirt- schaftssystem). Es ist zwar denkbar, dass jemand mehr oder weniger zahlt, aber das ändert nichts an der grundsätzlichen Entscheidung, ob er über- haupt zahlt; ebenso verhält es sich beim Beispiel der Krankheit. Für die Soziale Arbeit stellt sich genau an dieser Stelle die Frage, wie denn – bei der Annahme, dass sie ein eigenständiges Funktionssystem bildet – ihr Code zu bestimmen ist. Hier liegen unterschiedli- che Vorschläge mit verschiedenen theoretischen Reichweiten vor: „helfen / nicht-helfen“ (Baecker 1994, 95 ff.; Merten 1997, 97 ff.), „Fall /Nicht- Fall“ (Fuchs 1997, 413 ff.) oder „bedürftig / nicht- bedürftig“ (Weber /Hillebrandt 1999, 16). Ein Einvernehmen, welcher Code-Vorschlag sich als fruchtbarer erweist, besteht, auch aufgrund ver- schiedener Verortung Sozialer Arbeit als primäres oder sekundäres Funktionssystem, bisher noch nicht. Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium Medien und deren Formen werden jeweils von Systemen aus konstruiert und setzen somit immer eine Systemreferenz voraus. Es gibt sie nicht „an sich“. Medien, und diese sind im Luhmannschen Sinne nicht mit den ein eigenes Funktionssystem bildenden Massenmedien (TV, Presse…) gleich- zusetzen, helfen, das Problem der Unwahrschein- lichkeit der Kommunikation (Luhmann 2005b) ansatzweise zu lösen. Der Begriff wird somit von Luhmann funktional definiert, als Einrichtung, die der Umformung „unwahrscheinlicher in wahr- scheinliche Kommunikation“ (Luhmann 2005b, 32) dienen. Sie sind damit „erwartungsleitende Wahrscheinlichkeiten“ (Luhmann 1997, 190). Er- wartungsleitend heißt, dass der Selektionsspiel- raum der Differenzen der Kommunikation (Infor- mation, Mitteilung, Verstehen) begrenzt wird. Es sind dadurch nicht alle Anschlusskommunikatio- nen möglich. Dabei werden jedoch keine Selektio- nen unterbunden: Sie werden dadurch erst ermög- licht! Es wird ein Raum markiert, in dem Selektionen stattfinden können. Medien sind da- mit Voraussetzung von Kommunikation, nicht Teil dieser. Als symbolisch generalisiertes Kommunikations- medium kann, neben Wahrheit im Funktionssys- tem Wissenschaft, Recht im Rechtssystem oder Macht im Funktionssystem Politik auch das Geld als symbolisch generalisiertes Kommunikations- medium im Wirtschaftssystem bezeichnet wer- den. Es hat Symbolcharakter, da es nicht dem

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