Handbuch 5. Auflage

1726 Kosellek · Merten  materiellen Wert des Geldes entspricht, ist gene- ralisiert, da es verschiedene Währungen bzw. ein einheitliches Zahlungssystem ermöglicht und ist Medium der Kommunikation, da es Anschluss- kommunikationen (Zahlungen, das Bekommen von Wechselgeld…) wahrscheinlicher macht bzw. zur Annahme dieser motiviert. Als symbolisch generalisiertes Kommunikations- medium der Sozialen Arbeit schlägt Maaß (2009) vor, Anspruch auf seine theoretische Tragfähigkeit zu überprüfen. „ Sobald es kommunikativ um ge- setzlich verbürgten Anspruch geht, wird die Diffe- renz des Funktionssystems Soziale Arbeit aktiviert. Diese These kann auf das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit zunächst limitierend wirken, birgt aber den Vorteil, Adressenarbeit als Leistung der Sozialen Arbeit schärfer darstellen zu können.“ (Maaß 2009, 104) Komplexitätsreduktion/ Komplexitätssteigerung Die Ausdifferenzierung von funktionalen Teilsyste- men hat weitreichende Konsequenzen. Einerseits erfolgt durch die Beschränkung auf eine Funktion eine dramatische Komplexitätsreduktion; das Sys- tem lässt alles außer Acht, was nicht für seinen Code anschlussfähig ist. Das Rechtssystem konzen- triert sich ausschließlich auf Rechtsprechung und nicht auf die Heilung von Kranken, das Medizin- system ist ausschließlich für die Heilung von Kran- ken zuständig und nicht für die Vermittlung von Wissen (Bildungssystem). Diese Reduktion der Aufmerksamkeit ist zugleich die Voraussetzung für eine ebenso dramatische Komplexitätssteigerung (Luhmann 1973). Exemplarisch zeigt sich dies am Beispiel der Medizin: Sie konzentriert sich aus- schließlich auf die Funktion Heilung und differen- ziert sich dabei intern immer weiter in Teildiszipli- nen mit immer kleinteiligeren Fragestellungen aus. Doch was ist nun charakteristisch für soziale Sys- teme, oder anders: Wie unterscheiden sie sich von ihrer Umwelt? Operative bzw. autopoietische Schließung Kommunikationen lassen sich aus systemtheoreti- scher Sicht nicht wie im üblichen Sinne als Über- tragung einer Botschaft vom Sender zum Empfän- ger begreifen.Da die anKommunikationbeteiligten Bewusstseinssysteme, z. B. psychische Systeme wie auch soziale Systeme, selbstreferentiell geschlossen operieren, können sie weder eine Botschaft abge- ben, noch aufnehmen. Es gibt somit keinen direk- ten Input oder Output von Gedanken oder Kom- munikation. Bevor dieser Paradigmenwechsel in der Systemtheorie stattgefunden hat, wurde Syste- men noch ein direkter Austausch mit ihrer Umwelt unterstellt: Systeme wurden als offene Gebilde konzipiert, die in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Wenn Teilsysteme sich nun (a) über ihren Code ausdifferenzieren und damit (b) zugleich gegen die Umwelt abgrenzen sowie (c) zu ihrem weiteren Prozessieren immer an den Positivwert anschließen, dann schließen sie sich auf diese Weise operativ. Mit anderen Worten: „Ein codiertes System ist da- mit in gewisser Weise sich selbst ausgeliefert, und das heißt vor allem: dass es keine Gründe finden kann, seinen Code nicht anzuwenden…“ (Luh- mann 1992b, 89). Hier liegt der entscheidende Grund für die hohe Dynamik moderner Gesell- schaften. Die Medizin findet medizinisch keinen Grund, selbst bei hoffnungslosen Fällen nicht wei- ter zu heilen. Auch gibt es trotz Wirtschaftskrise für das Wirtschaftssystem keinen Grund, nicht weiter zu wirtschaften. Dadurch, dass das System sich über seinen Code „selbst ausgeliefert ist“, entsteht eine strukturelle Geschlossenheit, welche als Autopoiesis (Matu- rana 1985, 141), d. h. so viel wie Selbststeuerung oder Selbstherstellung, bezeichnet wird. Durch das Operieren eines Systems, also das Erzeugen der zur Erhaltung des Systems notwendigen Kom- ponenten, bilden sie ihre eigene Organisation. Dies macht es somit zu einem organisationsinva- rianten System, da die grundlegende Operations- weise, die autopoietische Geschlossenheit, kon- stitutiv für dieses System ist. Autopoietische Systeme sind somit Systeme, „die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus de- nen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Ele- mente selbst erzeugen“ (Luhmann 1997, 65). Sie

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