Handbuch 5. Auflage

Systemtheorie und Soziale Arbeit 1727 sind damit also über ihren Code selbsterzeugend und selbstregulierend. Wird dieser Code nicht weiter (re-)produziert, „stirbt“ das System. Auf biologische (lebende) Systeme bezogen: Kann ein Lebewesen sich z. B. nach einer schweren Verlet- zung nicht wieder durch Zellteilung regenerieren, so wird es verenden. Auf soziale Systeme bezogen, die aus Kommunika- tion und nur aus Kommunikation bestehen, be- deutet dies, dass das System auf kommunikative Anschlüsse angewiesen ist, sich über seinen Code bildet, sich zugleich intern darüber strukturiert und durch die operative Schließung eine Regulie- rung von außen nicht mehr möglich ist; ist dies nicht (mehr) der Fall, so besteht das System nicht mehr fort. Inklusion Eine Folge funktionaler Differenzierung ist die Schwierigkeit für Individuen, sich nicht mehr durch die soziale Position definieren zu können, in die man wie in stratifikatorisch differenzierten Ge- sellschaftsformen hineingeboren wurde. „Sie [die Individuen] gehören nicht mehr einem der Teil- systeme der Gesellschaft an, sie müssen Zugang zu allen Funktionssystemen gewinnen, um anspruchs- gemäß leben zu können. Die gesellschaftliche In- klusion muss neu geregelt werden“ (Luhmann 2005d, 131). Es stellt sich jedoch die Frage, wie die Individuen Zugang zu den gesellschaftlichen Syste- men finden. Der Zugang zu den Systemen wird durch deren Eigenlogik, durch den Code, und die strukturelle Dynamik der Systeme selbst geregelt. Damit wird die Inklusion, m. a.W. der Zugang zu einem System, ausschließlich auf die Logik des Teilsystems orientiert. Alle anderen Aspekte (z. B. biografische Besonderheiten) bleiben (theoretisch) außer Betracht. „Inklusion erreicht, wer kommuni- zieren kann, was man kommunizieren kann…Das heißt nicht zuletzt, dass die Inklusion sich stärker individualisiert und nicht mehr zu einer Art Erb- gut verfestigt werden kann, das man in Familien tradiert. Nie hat man jemals von Kindern Galileis, Newtons oder Einsteins gehört“ (Luhmann 1992a, 346 f.). Individualisierung der Inklusion bedeutet, dass grundsätzlich alle Individuen systemrelevant werden können, „… aber nur mit jeweils funk- tionsrelevanten Ausschnitten ihrer Lebensführung“ (Luhmann 1981, 27). Am Beispiel der Wirtschaft zeigt sich Inklusion am Code zahlen / nicht-zahlen: Nur wer und zugleich jeder, der zahlt, wird bzw. ist in das Wirtschaftssystem inkludiert. An dieser Stelle entfachen sich aktuell die Aus- einandersetzungen um die Soziale Arbeit. So wird kontrovers diskutiert, ob sie für Exklusionsvermei- dung, Inklusionsvermittlung und / oder Exklusi- onsverwaltung zuständig ist (so Bommes / Scherr 2000; kritisch hierzu Merten 2001). Programmierung Damit ein System unterscheiden kann, ob etwas dem positiven Wert seines Codes zugerechnet wer- den soll, muss es entscheidungsfähig gemacht wer- den. Es bedarf also eines Modus der Zuordnung und dieser erfolgt über Programme, die eine spezi- fische Offenheit des Systems ermöglichen. Pro- grammierung gibt die Bedingungen dafür an, wie die beiden Codewerte Sachverhalten zugeordnet werden. Über Programme wird das System für seine Umwelt geöffnet und dadurch die Möglich- keit eingebaut, externe Gegebenheiten in Betracht zu ziehen (Luhmann 1987, 432 f.). Da Program- mierung nicht binär verfahren muss, ist es zugleich möglich, durch den binären Code ausgeschlossene dritte Möglichkeiten aufzunehmen. So lässt sich bspw. über Programme nicht nur festlegen, ob je- mand zahlt oder nicht zahlt, sondern ob jemand arm ist und ab welchem Einkommen – und diese Programmierung ist letztlich jederzeit änderbar; die Regelsätze des SGB XII liefern hierfür ein ein- drückliches Beispiel. Das Verhältnis von Code und Programmierung lässt sich in dieser Perspektive mit den Begriffen konstant / variabel umschreiben (Luhmann 1997). Während der Code Konstanz symbolisiert, stehen Programme auf der Seite der Veränderung; sie können jederzeit (z. B. Pro- gramme in Form von Gesetzen) geändert werden. Programme sind nicht ungebunden, sondern sie manifestieren sich in Strukturen. Ein solcher struk- tureller Niederschlag erfolgt typischerweise (wenn- gleich nicht ausschließlich) in Form von Organisa- tion(en).

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