Handbuch 5. Auflage

1732 Flösser · Rosenbauer · Witzel  Die gesellschaftliche und politische Relevanz der Sozialen Dienste ist gegenwärtig weitgehend un- strittig, wenngleich die vehement vorgetragene Sozialstaatskritik auch die Sozialen Dienste er- reicht. Mit Blick auf die nach wie vor expandie- renden Beschäftigtenzahlen in den Sozialen Diensten wird für die Bundesrepublik gar von ei- ner Entwicklung hin zu einem „Soziale-Dienste- Staat“ (Heinze 2009, 68) gesprochen. Obwohl ihre quantitative ebenso wie ihre qualitative Be- deutsamkeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext damit außer Frage steht, liegt eine konsistente Theoriebildung zum Gegenstandsbereich der So- zialen Dienste jedoch bislang nicht vor. Allerdings können Dimensionen oder Ebenen benannt wer- den, auf die eine systematische Beschreibung und Analyse Sozialer Dienste eingehen muss, wenn sie einen Beitrag zur Theorieproduktion liefern will. So hätte eine theoretische Fundierung dann min- destens drei Ebenen zu bearbeiten: (1) Die Ebene der Organisation unter besonderer Berücksichti- gung der fachlich-beruflichen Dimensionen der Konstitution von Professionalität im jeweiligen organisatorischen Kontext, (2) die strukturell- funktionale Ebene im Hinblick auf Fragen nach den sozialstaatlichen und wohlfahrtspolitischen Kontextbedingungen Sozialer Dienste und schließlich (3) den Erbringungskontext sozialer Dienstleistungen, seine institutionalisierten Pra- xen der Interaktion zwischen Personal und Klien- tel als personen- und interaktionsbezogene Ebene Sozialer Dienste (ähnlich Bauer 2001, 70 ff.). Eine angemessene Berücksichtigung dieser Dimen- sionen und Ebenen ist aber erst dann gegeben, wenn diese lediglich analytisch zu trennenden Ebe- nen gerade auch in ihren Wechselwirkungen und Zusammenhängen analysiert werden. Die größte Herausforderung liegt jedoch in der systematischen Unterstellung, dass es sich bei So- zialen Diensten um einen spezifischen Typus von Organisationen handelt, der sich aus dem institu- tionalisierten Verhältnis von spezifischen Berufs- gruppen und ihren Organisationen begründet. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass organi- sations- und professionstheoretische Überlegungen in der Analyse und auf den unterschiedlichen Ebe- nen miteinander verbunden werden müssen. Eine besondere Herausforderung für die Theoriebildung liegt des Weiteren in dem Umstand, dass Soziale Dienste keine konstanten Gebilde sind, die sich einfach bilanzieren ließen, sondern ständigen Wandlungen unterworfen sind. Sie variieren im Zuge zeitgeistspezifischer Interpretationen des So- zialen und insbesondere im Kontext wohlfahrts- staatlichen Wandels, was sich in den gesetzlichen und ökonomischen Grundlagen für die Sozialen Dienste, in sozialpolitischen Programmatiken, Menschenbildern, im methodischen Repertoire der Fachkräfte, in Leistungsansprüchen für existen- tes und potenzielles Klientel u. v.m. niederschlägt und adäquate Analyseinstrumente erfordert. Drei Ebenen der Theoriebildung Sozialer Dienste 1. Soziale Dienste als professionelle Organisationen Als Organisationen sind Soziale Dienste ihrem Programm nach helfend, beratend, kontrollierend, fördernd, erziehend, disziplinierend oder unter- stützend u. v.m. tätig. Im Gegensatz zu alltagswelt- lichen, nicht-organisierten Mustern der Koope- ration, Hilfe, Erziehung und Problembearbeitung werden Sozialen Diensten spezifische Kompeten- zen zugeschrieben: In ihnen operieren Fachkräfte auf der Grundlage eines besonderen, i. d. R. durch wissenschaftliche Disziplinen abgestützten profes- sionellen Wissens, mit dem zielgerichtet Verände- rungen der Kompetenzen, Orientierungen oder Motivationen der Individuen oder Subjekte wie auch der alltäglichen Lebensverhältnisse erreicht werden sollen. Die Betrachtung Sozialer Dienste war zunächst von bürokratietheoretischen Überlegungen geprägt und auch die Organisations- und Professionssozio- logie nahm ihren Ausgang von der „bürokratischen Frage“ bzw. von der Frage nach Rationalisierungs- prozessen moderner Gesellschaften (Weber 1972; Parsons 1968). In der Auseinandersetzung um So- ziale Dienste wurde hierfür insbesondere das Ver- hältnis von Bürokratie und fachlichem Handeln bzw. Professionalität in den Mittelpunkt gerückt und seit Ende der 1970er Jahre eine systematische Kritik an der bürokratisch organisierten Erbrin- gung personenbezogener Dienstleistungen entfaltet (insbesondere Japp /Olk 1980). Deutlich wurde dabei, dass die Bearbeitung der Problemlagen der

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