Handbuch 5. Auflage

Theorie Sozialer Dienste 1733 Klientel von Sozialen Diensten einer doppelten Steuerungs- und Selektionsanforderung unterliegt: Zum einen basiert die Bearbeitung im professio- nellen Handlungsvollzug auf der je fallindividuel- len Applikation generalisierten wissenschaftlichen Wissens, zum anderen agieren formale Organisa- tionen auf der Grundlage rechtlich kodifizierter Regeln mit spezifischen Zuordnungskriterien, die als Entscheidungsprogramme spezifische Selektio- nen nach sich ziehen. In der Konsequenz „werden soziale Probleme verwaltungsförmig segmentiert und nach Maßgabe formaler Kriterien ‚kleingear- beitet‘“ (Olk /Otto 1987, 12). Prägend war dabei die These, dass die Kombination bürokratischer und professioneller Strukturelemente konstitutiv problematisch sei bzw. mehr noch, dass die bürokratische Rationalität das professionelle Handeln tendenziell überformt („Dominanzthese“). Diese Annahmen ließen sich empirisch jedoch nicht bestätigen; es liegt keine schlüssige Begründung für die unterstellte Dominanz eines Einflusssystems in Organisationen vor. Vielmehr ist davon auszugehen, dass persönliche, bürokratisch-formale, ideologische, politische und professionell-qualifikatorische Steue- rungselemente im Kontext von Institutionalisie- rungsprozessen zusammen wirken (Küpper /Felsch 2000, 211). Indem sich organisatorisches Handeln keineswegs in Verwaltungshandeln erschöpft, erwies sich auch die Gleichsetzung von „Organisation“ und „Bürokratie“ als verkürzt. Organisationen zeigen hohe interne Varianzen bezüglich der Ausprägung von verschiedenen Strukturvariablen (wie z.B. Ak- tenmäßigkeit, Regelgebundenheit usw.), die wiede- rum kaum miteinander korrelieren (Kieser 2002, 62). Ebenso wurde bereits früh erkannt, dass es in der bürokratischen Verfasstheit neben der Amts- autorität „eine auf der Autorität von Wissen basie- rende und nicht minder rationale Form der Organi- sation von Gleichen gibt“ (Klatetzki/Tacke 2005, 11) – die „company of equals“ (Parsons 1947, 60), das Kollegium der Professionellen als nicht-hierar- chische, egalitäre Assoziation in der Organisation. Professionelle Organisationen sind danach dadurch gekennzeichnet, dass sie auf spezifischem Wissen und besonderen Kompetenzen von in ihnen tätigen Fachkräften basieren und die Organisationsstruktur den Fachkräften eine gewisse Autonomie in der all- täglichen Handlungs- und Entscheidungspraxis er- möglicht. An die Stelle generalisierter und formali- sierter Regeln als dominante handlungsleitende Orientierung tritt die individuelle Bearbeitung von Einzelfällen auf der Grundlage einer besonderen Ethik, die eine qualitativ hochwertige Arbeit sowohl zumWohle des Klientels als auch der Allgemeinheit sichert. Grundlage der Entscheidungsfindung in den jeweils individuellen Einzelfällen ist dabei eine dezentrale Entscheidungsstruktur, die sich am Mo- dus der Kollegialität ausrichtet. Somit stellen pro- fessionelle Organisationen eher eine egalitäre Orga- nisationsform dar, als dass sie auf ein ausgeprägtes Machtzentrum und eine Entscheidungshierarchie rekurrieren (Klatetzki/Tacke 2005, 17; Waters 1989). Doch ebenso wie die professionstheoretische Dis- kussion das (zumeist an der klassischen Organisati- onstheorie orientierte Modell zweckrationaler, ge- genüber ihrer Umwelt als „geschlossene Systeme“ abgegrenzter Organisationen) zu Grunde gelegte Verständnis von Organisation kaum reflektierte und damit systematische Ausblendungen vollzog, fehlten genuin organisationstheoretischen Über- legungen angemessene Instrumente zur Bestim- mung von Professionalität bzw. der Analyse der spezifischen Logik professioneller Problembearbei- tung in organisatorischen Kontexten. Kurz: Die Organisationssoziologie verfügt über keinen hin- länglichen Professionsbegriff (Klatetzki /Tacke 2005, 20), ebenso wurden empirische Analysen zur Struktur professionellen Handelns wenig in Bezug auf organisationstheoretische Zusammenhänge thematisiert. Die neuere organisationssoziologische Paradig- menvielfalt und das erweiterte Spektrum von An- sätzen bieten hier notwendige Erweiterungen und Reflexionsfolien für die Analyse von professionel- len Organisationen. Ausgehend von der Erkennt- nis, dass Organisationen nicht allein durch formale Strukturen, strukturelle Eigenschaften, Input- Output-Relationen, Kommunikation oder Ent- scheidung gekennzeichnet sind, sondern ganz we- sentlich durch organisationale Praktiken und wiederkehrende praktizierte Formen des Han- delns, rücken in neueren Verhältnisbestimmungen die Gestaltungsspielräume im Verhältnis von Indi- viduum und Organisation in den Fokus. Ak- teur / innen bleiben so zwar an überindividuelle Ordnungen gebunden, diese erzeugen und bestäti- gen sie jedoch gleichermaßen durch ihr Handeln (Neuberger 1995, 1). Damit geraten die Ak- teur / innen in zentraler Weise als Träger / innen

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