Handbuch 5. Auflage

1734 Flösser · Rosenbauer · Witzel  der Organisation im Sinne von konkreten Hand- lungssystemen in den Blick. Indem organisationale Strukturen (mitlaufendes) Resultat des Handelns sind und in weiteres Handeln als sein „Medium“ eingehen, „existieren“ organisationale Strukturen überhaupt nur im Handeln der Akteur / innen „und sodann, als eine virtuelle Ordnung, in ihren Erinnerungen und Erwartungen“ (Ortmann et al. 2000, 317). Werden Handlungsabläufe als hoch- gradig institutionalisierte Wissensstrukturen ver- standen und analysiert, kann dann gefragt werden, wie die Mitglieder einer Organisation in ihrem Handeln und in Interaktionen Wissensbestände objektivieren. Neuere Bestimmungen gehen schließlich in ähnlicher Weise von einem wechsel- seitigen Konstitutionsverhältnis aus und begreifen sozialpädagogische Professionalität als organisati- onskulturelles System (Klatetzki 1993) oder sehen die spezifische Leistung sozialpädagogischer Orga- nisationen insbesondere in der Konstitution einer gemeinsam geteilten Fachlichkeit (Rosenbauer 2008). Neben der Betrachtung der „inneren Logik“ von professionellen Organisationen sind es darüber hi- naus Theorieperspektiven im Rahmen des Neo- institutionalismus, die auf eine Öffnung organisa- tionssoziologischer Fragestellungen hin zu gesellschaftstheoretischen Perspektiven zielen – im Sinne einer „Rückkehr der Gesellschaft“ (Ortmann et al. 2000). Die neoinstitutionalistische Sichtweise rückt als zentrales Charakteristikum Sozialer Dienste in den Blick, dass sie in hohem Maße auf Legitimation aus ihrer Umwelt angewiesen sind, denn anders als in der Herstellung von Gütern und Waren beruht das Wachstum und Überleben von Sozialen Diensten nicht auf technischen Fähigkei- ten, sondern auf ihrer Konformität mit dominan- ten kulturellen Symbolen und Glaubenssystemen im Sinne von „institutional rules“ (Meyer / Rowan 1977, 343). Für sie wird aus diesem Grund von einer „Primacy of Institutional Environment“ (Ha- senfeld 2010) gesprochen: Soziale Dienste müssen gegenüber dem zyklischen Wandel von institutio- nellen Logiken sensibel sein, die in je spezifischen Konfigurationen von kulturellen, ökonomischen und politischen Kräften dominant werden, da ih- nen der Bezug darauf Legitimität im jeweiligen his- torischen Kontext garantiert. 2. Die strukturell-funktionale Ebene Soziale Dienste sind eingebunden in die jeweiligen wohlfahrtsstaatlichen Arrangements. Sie repräsen- tieren die Kultur des Sozialen, da ihre kodifizierte Anhängigkeit von sozialpolitischen Programmati- ken in den entwickelten Sozialstaaten Auskunft über die sozial-ethischen Prinzipien einer gesell- schaftlichen Formation, über ihre Positionierung im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Ord- nungssystemen, insbesondere zum Markt und zu zivilgesellschaftlichen Assoziationen, sowie über die als legitim anerkannte Quantität und Qualität der erzeugten Dienstleistungen gibt (Bäcker et al. 2008, 507 f.; Hasenfeld 1992, 4 f.). Allerdings folgt aus dieser politischen Verortung keine Determina- tion in der Erbringung sozialer Dienstleistungen, die Sozialen Dienste übernehmen vielmehr eine Übersetzungsfunktion, die artikulierte Bedürfnisse der Nachfragenden mit den politisch-administrati- ven Interessenlagen kompatibilisieren soll. Sie sind in diesem Sinne intermediäre Instanzen und aktive Akteure in einer öffentlich zugänglichen Arena der Verhandlung über Inhalte und Qualität des sozia- len Bedarfsausgleichs. Ihre Schwierigkeit liegt da- bei in der Bewahrung von Entscheidungsspielräu- men durch eine Begrenzung der machtvollen Einflussnahmen sowohl der Auftraggeber wie auch der Klientel, die nur durch professionelle Organi- sationen sichergestellt werden kann. Die doppelte Rückbindung der Zielformulierungen der Sozialen Dienste an (kommunal-)politisch vorgegebene Rahmenziele und den artikulierten und / oder fest- gestellten Bedarf an sozialer Unterstützung fordert spezifische Kompetenzen der Transformation von Individual- oder Kollektivinteressen in angemes- sene Dienstleistungsangebote, deren zentrale Funk- tion in einem Interessenausgleich zwischen den Instanzen der Ressourcenverteilung und den Res- sourcenempfängern besteht. Die Produktion dieses Interessenausgleichs ist dabei allerdings von zuneh- mend komplexeren Rahmenbedingungen geprägt: Der demographische Wandel, Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse diversifizieren einer- seits die Ansprüche an soziale Hilfe- und Unter- stützungsleistungen und begrenzen andererseits die Interventionsspielräume regulativer Politik. Die Abhängigkeit der Sozialen Dienste von der fiskali- schen Haushaltslage bei gestiegenen Exklusions- risiken der spätkapitalistischen Gesellschaften lässt

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