Handbuch 5. Auflage

Theorie Sozialer Dienste 1735 zudem die Bezugsgrößen der Sozialen Dienste ero- dieren. „Es ist ungemütlich geworden im deutschen Sozialstaat“, so Kaufmann (1997, 7), ein „all- gemeiner Verteilungskampf ist entbrannt, wie ihn die Bundesrepublik seit ihrem Bestehen noch nicht erlebt hat. Es geht nicht mehr um die Verteilung von Zuwächsen, sondern um die Verteilung von Kürzungen im Rahmen stagnierender oder gar schrumpfender öffentlicher Haushalte.“ Im Hin- blick auf ihre zentrale Funktion der System- und Sozialintegration (Lockwood 1969) stellt sich mit- hin gleichzeitig das Problem eines veränderten Steuerungsbedarfs wie auch das eines Nachfrage- wandels (Offe 1987). Obwohl der Innovationsbedarf damit eindrück- lich begründet ist, gibt es nachhaltige Beharrungs- tendenzen in der strukturellen Verankerung der Sozialen Dienste. Es ist weniger ihre Funktions- fähigkeit, sondern vielmehr die besonders aus- geprägte Machtstellung der korporativen Ver- flechtung der Sozialen Dienste in Deutschland, die letztlich die hohe Stabilität des Systems Sozia- ler Dienste ausmacht. Die durch den Korporatis- mus gesicherte Mitwirkung der Träger der Freien Wohlfahrtspflege in der sozialpolitischen Gesetz- gebung und Programmgestaltung birgt den struk- turbildenden Vorteil, dass die Träger in der Posi- tion sind, ihre Mitgliedsorganisationen auf die „ausgehandelten Politikresultate“ zu verpflichten (Backhaus-Maul / Olk 1994, 109). Die Wohl- fahrtsverbände agierten danach erfolgreich und nachhaltig in dem Spannungsfeld zwischen Inte- ressenvertretung ihrer selbst oder angeschlossener Organisationen und der Distribution von sozialen Dienstleistungen an Leistungsberechtigte und dies im Auftrag des Staates (Tränhardt 2005, 1987 f.). Dadurch wird die letztlich entscheidende Determinierung der Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen durch die Sozialen Dienste selbst vorgenommen. Ihre jeweilige Entscheidung über spezielle Hilfe- und Unterstützungsleistun- gen hat zugleich unmittelbare Folgen für die Höhe der Ausgaben kommunaler Sozialpolitik. „Es sind also keineswegs die ‚Ansprüche‘ der Bür- ger, oder jedenfalls zu geringem Anteil, welche zum beklagten additiven Ausgabenzuwachs füh- ren, sondern die ‚Mission‘ der Träger der Sozial- verwaltung, welche einen kontinuierlichen Ver- besserungsprozess ausschließlich im quantitativen Ausbau sehen“ (Blanke et al. 2000, 21). Der Preis für diese ausgeprägte Stabilität ist jedoch die tendenziell zur Unkenntlichkeit verschwom- mene Grenze zwischen öffentlichem und privatem Engagement, „was letztlich darin gipfelt, dass nicht mehr eindeutig herausgestellt werden kann, wessen Ziele handlungsleitend für (sozial-)politische Ent- scheidungen sind“ (Boeßenecker 2005, 19 ff.). So beschreiben Backhaus-Maul und Olk die zentrale Funktion der Wohlfahrtsverbände dahingehend, „insbesondere durch die ihnen angeschlossenen Dienste und Einrichtungen soziale Dienstleis­ tungen für bestimmte Klientelgruppen bereit- zustellen“, und nicht darin, „die Interessen von sozialökonomischen Gruppierungen bzw. ihrer Mitglieder zu aggregieren, selektieren und gegen- über den politischen Entscheidungsgremien zu vertreten“ (Backhaus-Maul /Olk 1994, 110). Trotz einer nach wie vor hohen Geltungskraft scheint da- mit die Funktionsbestimmung Sozialer Dienste erschüttert. Gefordert wird deshalb eine neue „Go- vernancestruktur des Wohlfahrtsstaates und seines institutionellen Arrangements“ (Zimmer /Nähr- lich 1997), mit Hilfe derer „die hochgradig organi- sierten Akteure des Systems in ihrer eigenständigen Definitionsmacht und Gestaltungsfähigkeit ge- schwächt und die korporatistische Steuerung des Systems aufgelöst werden“ (Dahme /Wohlfahrt 2000, 317). Erst im Nachgang zu der so geforderten Neujustie- rung des wohlfahrtskulturellen Arrangements las- sen sich dann weitere Reformoptionen für die So- zialen Dienste aktivieren. Diese könnten in Begrenzung der Nachfrage nach Leistungen, 1. der Erschließung zusätzlicher Ressourcen, 2. der Intensivierung der Ressourcennutzung und / oder 3. der Auslagerung von Kosten liegen. 4. 3. Personen- und interaktionsbezogene Ebene Insbesondere der Dienstleistungsdiskurs hat die „Co-Produktivität“ personenbezogener sozialer Dienstleistungen betont und so die Relevanz der Interaktionsebene in Sozialen Diensten akzentu- iert. „Das schließt nicht aus, dass der quantitativ größte Teil der professionellen Arbeit in Abwesen- heit von Klienten vollzogen wird. Im Resultat aber

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