Handbuch 5. Auflage
Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit 1743 Sandermann 2009b; Winkler 2009). Obwohl es in der Disziplin eine große Vielfalt und zuneh- mende Intensität wissenschaftlicher Diskussionen gebe, so seien diese doch inhaltlich unzureichend (Mührel / Birgmeier 2009; Rauschenbach / Züch- ner 2005). Der Theoriediskurs sei weiterhin un- terentwickelt und erfülle insbesondere die ihm zufallende Aufgabe der Aufklärung von Praxis nicht hinreichend. Diese Kritik aber scheint uns auf ein Missverständ- nis zu verweisen. Wenn wir Soziale Arbeit in der Tradition einer sozialwissenschaftlich erweiterten hermeneutisch-pragmatischen Pädagogik und der von ihren Methoden bestimmten pragmatischen Sozialen Arbeit her betrachten, ergibt sich folgende Überlegung: Theorie und Praxis beziehen sich auf dasselbe Gegenstandsinteresse, fassen es aber in unterschiedlichen Wissensformen und Logiken (so schon Weniger 1957), d. h. in den Formen des Praxiswissens, des Professionswissens und des Theoriewissens. Ihr Verhältnis aber wurde in der hermeneutisch-pragmatischen Pädagogik immer wieder einseitig ausgelegt, indem das Theoriewis- sen primär in den Dienst von Praxis gestellt und als „Denken aus der Verantwortung des Handelns“ heraus bestimmt und damit in seiner spezifischen Eigenart verkannt wurde. Dagegen scheint es uns notwendig, im Zusammenhang des Gegenstands- bezugs die Zugänge in der Unterschiedlichkeit ih- rer Leistungen zu betonen und zu praktizieren. (Dass dies eine erkenntnistheoretisch gleichsam unerlaubte, nur zur Orientierung brauchbare For- mulierung ist, ist uns bewusst, soll aber, um Miss- verständnisse zu vermeiden, ausdrücklich ange- merkt werden.) So betrachtet, ist Ausbildung nicht als Ausbildung primär für Praxis zu verstehen, sondern sie ist im- mer auch Ausbildung für und in Theorie, sie ist v. a. aber Ausbildung in der Vermittlung und Rela- tionierung der unterschiedlichen Wissensformen von Theorie und Praxis. Vor diesem Hintergrund verfolgen wir, wie auch schon in der 3. Auflage dieses Handbuchs (2005), die These, dass sich in der Theoriediskussion seit den 1980er Jahren vielfältige Zugänge und weiter- führende Perspektiven identifizieren lassen (Füs- senhäuser 2005; May 2009; Thole 2005a). Ins- gesamt hat sich sowohl in der Theoriediskussion als auch in ihrem Selbstverständnis der Status der Sozialen Arbeit differenziert und konsolidiert. Von daher kann die gegenwärtige Theoriedebatte und Theorieproduktion der Sozialen Arbeit produktiv und zunehmend selbstreferenziell (Dollinger 2008; Füssenhäuser 2005; May 2009) verstanden wer- den. Theorie als theoretische Diskussion und Theorie der Sozialen Arbeit im engeren Sinn In der Frage nach der Theoriediskussion in der Sozialen Arbeit sind Unterscheidungen nötig. Theorie meint zunächst die Diskussion der unter- schiedlichen Sachfragen einer sozialwissenschaft- lich verstandenen Sozialen Arbeit, die Diskussion also z. B. zu Lebenslagen von Menschen, zu Ätiolo- gie und Erscheinung abweichenden Verhaltens, zum Fallverstehen und zum Strukturmuster von Interventionen, ebenso aber auch zur Struktur von Trägern und Institutionen der Sozialen Arbeit. Theorie verstanden als theoretische Diskussion meint also zunächst die vielfältigen Diskurse innerhalb des Gegenstandsbereichs der Sozialen Arbeit. Von dieser „theoretischen Diskussion“ scheint es uns sinnvoll, eine Theorie der Sozialen Arbeit im engeren Sinn zu unterscheiden. Diese zielt auf die Klärung des Status der Sozialen Arbeit, ihres Ge- genstands- und Aufgabenbereichs und ihrer gesell- schaftlichen Funktion, ihrer geschichtlichen Selbst- vergewisserung und ihrer Positionierung im Kontext anderer Disziplinen und der Anforderun- gen der Praxis. Entwicklungen und Positionen sol- cher Theorie im engeren Sinn sind Gegenstand der folgenden Darstellung. Sie zielt also innerhalb des Ganzen der theoretischen Diskussion auf ein spe- zielles Segment: auf die Frage nach dem Zusam- menhang des Ganzen, seiner Beschreibung, Be- gründung und Aufklärung. Darin und nicht in der Herstellung eines allgemeinen Rahmens für die Vielfältigkeit der allgemeinen theoretischen Dis- kussion liegt ihre genuine Funktion. „Theoretische Diskussion“ und „Theorien der Sozialen Arbeit“ sind somit als nicht hierarchisches Nebeneinander unterschiedlicher Linien zu verstehen, als kom- munikatives Geflecht unterschiedlicher Erkennt- nisinteressen und Erkenntniszugänge. Die Frage nach der Theorie der Sozialen Arbeit verstehen wir als die nach einer Diskursszene, in der Theorien entstehen. Im Anschluss an Winkler
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