Handbuch 5. Auflage
Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit 1745 Dieses Grundmuster einer Hilfe, die gegebene Ver- hältnisse prinzipiell akzeptiert, darin aber in der Unmittelbarkeit von Elend und Not eingreift, ist wirkmächtig bis in unsere Gegenwart. Daneben und dagegen aber setzen Neuzeit und Aufklärung auf ein anderes Muster, auf die Ver- änderung von menschlichem Verhalten in der Not und von gesellschaftlichen Verhältnissen, die Not erzeugen: Der Mensch – so die allgemeine Philosophie – versteht die Welt und sich als Auf- gabe. Erziehung wird vor diesem Hintergrund zu einem zentralen Moment der Gesellschafts- und Lebensgestaltung. „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht“ (Kant 1964, 609). Im Kontext des neuzeitlichen Arbeitsbedarfs und Ar- beitsethos war die erste Antwort auf Armut die Erziehung zur Arbeit, damit Arme zum eigenen Unterhalt im Arbeitshaus beitragen, aber auch in kommunalen Aufgaben oder in Selbstständigkeit verdienen können. Genereller und radikaler ist Pestalozzis Entwurf einer allgemeinen Bildung für alle ohne entwürdigende Macht- und Unterdrü- ckungsstrukturen. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen und v. a. ideologiekritisch geschärften Gesellschaftskritik entwirft Pestalozzi Wege, um Menschen aus gesellschaftlicher Randständigkeit, aus Elend, Not, Hilflosigkeit, aus Gleichgültig- keit und Verbitterung heraus zu helfen. Menschen sollen – ja, müssen – lernen, in der Ausbildung aller ihrer Fähigkeiten von Kopf, Herz und Hand zur Anerkennung durch die anderen und damit ihrer selbst zu finden. Sie werden freigesetzt zu dem, was in ihrer Natur angelegt ist, zum Wohl- wollen anderen gegenüber und zum Leben als „Werk (ihrer) selbst“. Damit verfügen sie über Voraussetzungen, auch die gesellschaftlichen Ver- hältnisse neuzugestalten. „Soviel sah ich bald: die Umstände machen den Menschen. Aber ich sah ebenso bald: Der Mensch macht die Umstände“ (Pestalozzi 1946, 71). Pestalozzi konkretisiert dieses Programm in vielfältigen Aspekten: Neben der allgemeinen Gestaltung von Unterricht und Schule sowie Mutter- und Familienerziehung braucht es einen besonderen Aufwand für beson- dere Situationen der Armut und Verelendung, es entstehen spezielle – gleichsam sozialpädagogi- sche – Konzepte der Dorf- und Gemeinschafts- erziehung, aber auch der Heimerziehung oder des Strafvollzugs. Dieses zunächst nur in seinen Konturen bestimmte allgemeine Konzept differenziert und profiliert sich im Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts in dem sich allmählich formieren- den Industriekapitalismus mit seinen Macht- und Entfremdungsstrukturen und in den sich gleichzei- tig entwickelnden arbeitsteiligen Differenzierungen. Pestalozzis Entwurf war zunächst in vielen Aspekten in ständischen und restaurativen Konzepten („Erzie- hung der Armen zur Armut“) verfangen. Es gewinnt neue Kontur in den sich wandelnden Verhältnissen. Im Horizont eines neuen Bewusstseins von Solidari- tät – dies war aber oft auch restaurativ be- stimmt – bauen bürgerliche, christliche, staatliche, v.a. aber sozialistische Bewegungen neue Zugänge einer spezifisch aufwendigen Pädagogik in besonders belasteten Lebenslagen aus. Daneben und zeitgleich formieren sich die neu erstarkenden kommunalen Hilfen der Unterstützung der Armen in ihrer Not. Die (Volks-)Schule wird als soziale und ausdrücklich als sozialpädagogisch benannte Institution verstan- den. Heimerziehung, Vermittlung in Pflegefamilien, Familien- und Mütterberatungen und Institutionen der Kinderbetreuung entstehen ebenso wie Beratun- gen und Unterstützungen in besonders belasteten Verhältnissen. Die Soziale Arbeit im Übergang zum bzw. am Beginn des 20. Jahrhunderts wird zuneh- mend und maßgeblich mitbestimmt durch Initiati- ven und Engagement innerhalb der Frauenbewe- gung, die im Zeichen der sog. „geistigen Mütterlichkeit“ und des Care eigene und neue Ak- zente setzt (Brückner/Rose 2006; → Brückner, Care – Sorgen als sozialpolitische Aufgabe und als soziale Praxis und Maurer /Schröer, Geschichte sozi- alpädagogischer Ideen). Diese Entwicklung im Ausbau von unterschiedli- chen Aufgaben in je eigenen Arbeitsfeldern geht einher mit einer breiten allgemeinen Diskussion sozialer und sozialpädagogischer Fragen (Böhnisch et al. 1999; Böhnisch et al. 2005; Dollinger 2006) in unterschiedlichen Disziplinen wie z. B. der Öko- nomie, der Soziologie, der Sozialpolitik, der Sozial- medizin und der Theologie. Im Zeichen eines sozialen Kompromisses zwischen den Kapitalinteressen und den sozialen Bewegun- gen, in denen Menschen aus ihrem unterdrückten und entfremdeten Status heraus ihr Recht einklag- ten und erkämpften (Heimann 1980), werden schließlich soziale und sozialpädagogische Pro- bleme und Aufgaben als allgemein gesellschaftliche
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