Handbuch 5. Auflage
Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit 1747 ausgelegt worden. Dem steht scharfe Kritik aus der sozialistischen Jugendforschung und Pädagogik ebenso wie aus der sozialistisch-psychoanalytischen Pädagogik entgegen (zu z. B. Rühle, Bernfeld: Böh- nisch et al. 2005). Die etablierte Sozialpädagogik müsse gesellschaftlich hinterfragt werden, sie diene dazu, das Proletariat in die gegebenen Ausbeu- tungsverhältnisse einzugliedern und mit ihrer Le- benssituation zu versöhnen und stabilisiere die schlechten kapitalistischen Verhältnisse. Es brauche eine alternative Jugendarbeit und Sozialpädagogik. Anknüpfend an bereits virulente völkisch-gemein- schaftliche und nationalsozialistische Tenden- zen – und nach der Unterbrechung der Theoriepro- duktion durch die Zwangsemigration – werden im Nationalsozialismus Sozialarbeit und Sozialpädago- gik zur Gesundheits- und Rassenpolitik instrumen- talisiert. Erst nach dem Ende des Nationalsozialis- mus finden Sozialarbeit und Sozialpädagogik in den 1950er Jahren wieder zu ihren Ansätzen in den 1920er Jahren zurück. Dabei verläuft die Entwick- lung der beiden deutschen Staaten sehr unterschied- lich. Die Entwicklung der DDR wird in diesem Artikel nicht weiterverfolgt ( → Seidenstücker, Ge- schichte der Sozialpolitik und Sozialen Arbeit in der DDR). Die weitere Darstellung zentraler Wendungen der Theorieentwicklung beschränkt sich auf die Mo- dernisierung und Konsolidierung der Theoriepro- duktion wie der Profession in der BRD. Beginnend mit den 1950er Jahren, konsolidiert sich der Sozi- alstaat und wachsen die sozialen Aufgaben. Für das spezifische Arbeitsfeld müssen Ausbildungsauf- gaben mit Theoriediskursen verbunden werden. So setzen sich im Feld der interdisziplinär vielfältigen Diskussionen die Ansätze von Sozialarbeit und Sozialpädagogik durch, in denen diese Verbindung schon angelegt war. DieTheoriediskussion formiert sich neu. Sie geht einher mit den daneben weiter- geführten Wissenschaftszugängen z. B. in der So- ziologie und Kriminologie oder in der Psychologie, Psychoanalyse und Sozialpsychiatrie. Wir wollen sie im Folgenden unter zwei Aspekten skizzieren: erstens unter der Frage des Verhältnisses von Sozi- alarbeit und Sozialpädagogik und zweitens in den Phasen der Entfaltung und Differenzierung von Theoriekonzepten. Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Soziale Arbeit Trotz der Konzentration in den Fachdiskursen blieb aber die Frage nach der Begründung und Ge- staltung des spezifischen Orts und der spezifischen Aufgaben der Sozialarbeit und Sozialpädagogik undeutlich. Eine zentrale Frage in diesem Zusam- menhang ist die nach dem Verhältnis von Sozial- arbeit und Sozialpädagogik: Beide Traditionslinien haben die Geschichte und den Ausbau der Sozialen Arbeit bestimmt. Eine erste Annäherung zwischen diesen beiden Zugängen hatte sich bereits in den 1920er Jahren ergeben, indem sich Soziale Arbeit in ihrer Orientierung an sozialen Problemen auf Erziehungsfragen ebenso verwiesen sah wie Sozial- pädagogik in ihrem Bezug auf Erziehungsprobleme auf deren allgemeine gesellschaftliche Bedingtheit. Bis heute aber halten einige Autor(inn)en an einem Unterschied sowohl der Arbeitsfelder (als primär auf Erziehung bzw. Bildung oder als primär auf Hilfe und Unterstützung hin ausgelegte Felder) als auch an einer Verankerung der Sozialen Arbeit in einer entweder primär erziehungs- oder einer pri- mär fürsorgewissenschaftlichen Tradition fest (Gängler 1998; Mühlum 1996; Mührel / Birgmeier 2009; Niemeyer 2005). Das heißt, der unterschied- liche Begriffsgebrauch wird mit einer unterschied- lichen disziplinären Verankerung untermauert. Andere Autor(inn)en betonen die historische An- näherung der beiden Theorietraditionen und be- zeichnen diese mit dem Begriff Soziale Arbeit (Thiersch 2002, 2005; Müller 1998). In diesem Begriff und Feld verbinden sich im Kon- text gesellschaftlicher Bedingungen Aufgaben der Unterstützung und Förderung in belasteten Kon- stellationen mit den Lern- und Bewältigungsauf- gaben im Lebenslauf. Diese neue und tendenziell einheitliche Gegenstandsbestimmung ist zwar in- zwischen weit verbreitet, sie ist aber v. a. in den 1980er und 1990er Jahren noch einmal prinzipiell infrage gestellt worden. Von der Allgemeinen Erziehungswissenschaft her 1. wird gefragt, ob Soziale Arbeit in der Verbindung der Traditionen von Sozialpädagogik und Sozial- arbeit nicht Ungleiches zusammenzwinge (Mollen- hauer 1998). Gleichzeitig finden sich, auch in den Debatten derAllgemeinen Erziehungswissenschaft, Positionen, die die Erziehungswissenschaft und
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