Handbuch 5. Auflage

1748 Füssenhäuser · H. Thiersch  ihre Teildisziplinen als primär sozialwissenschaft- lich akzentuierte Wissenschaft verstehen und sie im Horizont einer Lerngesellschaft (Krüger 1995) oder im Konzept einer Lebenslaufwissenschaft (Lenzen 1997) pointieren, in denen Aufgaben der Versorgung (Care) sich mit Lernhilfen verbinden. In diesen Überlegungen finden sich Anschlussstellen, die es ermöglichen, die historische Differenz zwi- schen den Traditionen der Sozialarbeit und Sozial- pädagogik zu entschärfen. Diese bieten aber in ih- rer Unterschiedlichkeit gleichzeitig die Möglichkeit, das allgemeine Konzept der Sozialen Arbeit zu dif- ferenzieren. Es finden sich Überlegungen, wie sie v.a. von eini- 2. gen Vertreter(inne)n der Sozialarbeitswissenschaft formuliert werden. Dabei wird die begriffliche und disziplinäre Verortung der Sozialen Arbeit, die Frage nach ihren Gewährspersonen und damit der Bezugsdisziplin(en) strittig diskutiert (Mührel / Birg- meier 2009; Pfaffenberger 2009a). Zudem seien die in der Sozialen Arbeit anliegenden Probleme inzwischen so eigengewichtig und umfangreich, dass die Eigenständigkeit einer aus der Erziehungs- wissenschaft herausgelösten Wissenschaft von der Sozialen Arbeit notwendig sei (Mühlum 1996; Mührel / Birgmeier 2009a). Fragen der Standortbestimmung der Sozialen Ar- beit bestimmen auch die Wiederentdeckung his- torischer Traditionen und Diskurse, wie sie sich in der Klassiker(innen)debatte darstellt (Dollinger 2006; Eggemann /Hering 1999; Engelke et al. 2008; Niemeyer 1998; Thole et al. 1998). In dieser Rekonstruktion der Geschichte muss der Blick aber auch offenbleiben für die Praxismodelle und Alternativen, die die Profession wie Disziplin mit- bestimmen und die Theoriediskussion herausfor- dern. Berücksichtigt werden müssten in diesem Kontext kirchlich-religiöse und praxisbezogene Ansätze, die sogenannten Praxisklassiker(innen) (z. B. Don Bosco, Werner, Montessori, Korczak) mit ihren immanenten „theoretischen Überlegun- gen“. In diesem Kontext stellt sich dann auch die Frage, ob die bislang verfolgten Traditionslinien der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit bzw. der Fürsorgewissenschaft ausreichen. Müssen – im Blick auf die auf Inter- bzw. Transdisziplinarität verwiesene Theorieproduktion der Sozialen Ar- beit – nicht weitere sozialpolitische und soziologi- sche Positionen einbezogen werden, wie sie z. B. im Kontext sozialer Bewegungen entwickelt wur- den – z. B. in der Tradition von Heimann und Mennicke (Schröer 1999; Schröer / Sting 2006). Relevant für die Theorieproduktion der Sozialen Arbeit sind aber v. a. auch die weiteren gesellschaft- lichen und sozialwissenschaftlichen Diskussionen mit ihren eigenen Klassiker(inne)n, den „Klassi- ker(inne)n für das Fach“ neben denen des Fachs. Phasen der Theorieentwicklung Seit den 1960er Jahren hat sich die Diskussion der unterschiedlichen Theoriepositionen zunehmend differenziert und konsolidiert (Dollinger 2006; Füssenhäuser 2005; Thole 2005a; May 2009). Sie wird zunehmend bestimmt durch das Nebeneinan- der unterschiedlicher Theoriekonzepte (Theorien- pluralismus). Fragt man danach, in welchen Phasen entschei- dende wissenschaftliche Umorientierungen und Themen die Theoriediskussion der Sozialen Arbeit in den letzten Jahrzehnten bestimmt haben, zeigt sich für die 1950er und 1960er Jahre zunächst eine weitgehend bruchlose Anknüpfung an die geistes- wissenschaftlichen Konzepte der Zeit vor 1933 – neben der v. a. durch die angloamerikanischen Ent- wicklungen bestimmten Methodendiskussion, die im Kontext unserer zentralen Frage nach der Ent- wicklung der Theorie der Sozialen Arbeit aber nicht weiterverfolgt werden muss. Für die Ent- wicklung der Sozialen Arbeit seit den 1960er Jah- ren sind hingegen – in der Weiterführung weiterer sozialwissenschaftlichen Diskurse – folgende zen- trale Markierungen bestimmend: Die 1960er Jahre waren geprägt durch die – von Heinrich Roth (1964) so bezeichnete –  realistische Wende , d.h. die Hinwendung zu interdisziplinären, sozialwissenschaftlichen, empirisch fundierten Kon- zepten. Sozialwissenschaftlich-empirischeMethoden garantieren so eine rationale Analyse der Wirklich- keit und Schutz vor Ideologieverdacht. Charakteristisch für die 1970er Jahre war eine kriti- sche und politökonomische Weiterführung der sozi- alwissenschaftlichen Öffnung. Für die Soziale Arbeit wichtig wurde die Hinwendung zu gesellschafts- theoretischen Fragen und die Selbstkritik ihres Han- delns im bestehenden politisch-ökonomischen Sys- tem bzw. eine darin begründete Kritik der in die Institutionen der Sozialen Arbeit eingelagerten

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=