Handbuch 5. Auflage

Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit 1749 Kolonialisierungs- und Herrschaftsmomente (Holl- stein/Meinhold 1973). In der Theoriedebatte der Sozialen Arbeit wurde diese gesellschaftliche Kritik im Zeichen der kritisch-emanzipatorischen Wende mit demZiel der Mündigkeit und der Emanzipation des Individuums bzw. der Adressat(inn)en verbun- den (Mollenhauer 1998). Die Alltagswende der späten 1970er und v. a. der 1980er Jahre reagierte auf den überhöhten Selbst- anspruch der politisch-ökonomischen Kritik, v. a. aber auf die daraus resultierenden Schwierigkeiten der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis. Aus diesen Gründen betonte sie, bezogen auf die Le- benslagen und Selbstdeutungen ihrer Adressat(inn) en, die Ambivalenz und Zweideutigkeit des Alltags und wählte den Alltag als zentralen Bezugspunkt der sozialpädagogischen Theorie (Thiersch 1978; → Grunwald /Thiersch, Lebensweltorientierung). Gleichzeitig führte das sogenannte „sozialdemo- kratische Jahrzehnt“ zu außen- und innenpoliti- schen Veränderungen und Reformen, die neben der personellen Expansion seit den 1970er Jahren zu einem Ausbau und zur Differenzierung der So- zialen Arbeit führten (Füssenhäuser 2005; Rau- schenbach 1999). In diesem Zusammenhang wa- ren insbesondere die 1970er Jahre v. a. von der Professionalisierungsdebatte und dem Interesse an einem Zugewinn an beruflicher Autonomie, ver- mittelt über eine wissenschaftliche Fundierung der Sozialen Arbeit, geprägt (Otto /Utermann 1971; Dewe /Otto 2005a, 2005b). Mit der Expansion und Ausdifferenzierung der Ar- beitsfelder Sozialer Arbeit verbreiterten sich auch die disziplinären und professionsbezogenen theoreti- schen Diskussionen. Die entsprechenden Diskurse und disziplinären Entwicklungen gingen einher mit einer Entwicklung des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit als sozialer Dienstleistungsprofession bzw. zu einer „öffentlichen, sozialstaatlichen Institution der Sozialintegration“ (Münchmeier 1997, 306). Ent- standen ist ein Verständnis Sozialer Arbeit, das sich zunehmend präventiv orientiert, tendenziell alle Generationen und Bevölkerungsgruppen als denk- bare Adressat(inn)engruppe versteht und neben Er- ziehungs- und Sozialisationsaspekten immer mehr auch sozialinfrastrukturelle Aufgaben und Angebote miteinschließt. Seit den 1980er Jahren und deutlicher noch seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird die Theoriedis- kussion zunehmend weitläufig, komplex und re- flexiv. Gleichzeitig zeichnet sie sich aus durch das Nebeneinander unterschiedlicher Theoriepositio- nen und eine zunehmende Selbstreferentialität der Theoriediskussion (Füssenhäuser /Thiersch 2005). Insgesamt ist festzuhalten, dass mit dem Ausbau und der Konsolidierung der Sozialen Arbeit auch eine Erweiterung und Verschiebung ihrer Zustän- digkeiten und damit ihres Selbstverständnisses ein- hergeht. Indem sich in der pluralisierten und indi- vidualisierten „entgrenzten“ Gesellschaft der Gegenwart auch die scharfen Grenzen zwischen den Klassen und Schichten auflösen und in der un- übersichtlichen, zunehmend komplizierter wer- denden Gesellschaft die sozialen Probleme bis weit in die Mitte der Gesellschaft vordringen, erweitern sich Aufgabenfeld und Theorien der Sozialen Ar- beit. Soziale Arbeit muss als Hilfe in besonders be- lasteten Lebenslagen und als Hilfe in den Schwie- rigkeiten heutiger schwieriger Normalität gesehen werden. Wir verstehen die oben angesprochene Vielfalt von Theorien – den Theorienpluralismus – als Indikator für eine entwickelte sozialwissenschaftliche Dis- ziplin (Kuhn 1981; Mittelstraß 1996; Stichweh 1994) und als Indiz für die Normalisierung der Diskussionen. Die Darstellung dieses Theoriedis- kurses in seinen unterschiedlichen Konzepten ist hier nicht weiter Gegenstand. Diese werden in ei- nem eigenständigen Beitrag ( →  Füssenhäuser, Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit) erörtert und ergänzen unsere obige Dar- stellung. Wir beschränken uns auf einige abschlie- ßende Bemerkungen zu Aufgaben und Perspekti- ven, die sich für dieweitereDiskussionabzuzeichnen scheinen. Perspektiven Seit der Mitte der 1990er Jahre sieht sich die Theo- rie der Sozialen Arbeit vor neue Herausforderun- gen gestellt. Pluralisierung und Individualisierung der Lebensverhältnisse und deren Entgrenzung ge- hen einher mit der Durchsetzung eines neuen Pri- mats der Ökonomie. Soziale Probleme werden ebenso dethematisiert und individualisiert, wie die Leistungsfähigkeit der Sozialen Arbeit problemati- siert wird. Gleichzeitig stehen die Fragen der Über- prüfbarkeit der Leistungsfähigkeit Sozialer Ar- beit – also der Effektivität und Effizienz, der

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