Handbuch 5. Auflage

1750 Füssenhäuser · H. Thiersch  Evaluation und der Qualitätsstandards – im Vor- dergrund. Ebenso werden Aufgaben der Struktu- rierung des organisationellen Gefüges der Sozialen Arbeit wichtiger wie auch Fragen der methodischen Transparenz, die unter demTitel des Managements des Sozialen zusammengefasst werden können (Grunwald 2009). In dieser Situation erhalten die Fragen nach dem Stand des Erreichten und nach der Notwendigkeit einer neuen theoretischen Ver- ständigung über Aufgaben und Funktion der So- zialen Arbeit neues und dramatisches Gewicht. Der Umbruch in den gesellschaftlichen Verhältnis- sen wird als radikal und prinzipiell genommen (Neumann/Sandermann 2009b). Soziale Arbeit, so die Konsequenz, müsse sich wieder von außen – aus einer neutralen Beobachterperspektive – sehen und ihre etablierten Selbstverständlichkeiten infrage stel- len, also ihre normativ-sozialethische Fundierung sowie ihre Gestaltungsformen von Unterstützung, Lebensbewältigung und Hilfe. Die derzeit die Dis- kussion bestimmenden Theoriepositionen müssten gleichsam als Verbundsystem eines selbstreflexiven Verweisungszusammenhangs gesehen werden, in dem alle prinzipiellen Herausforderungen – die sich gerade auch im interdisziplinärenDiskurs zeigen – in die Sprache des eigenen Systems integriert werden (Neumann/Sandermann 2009a). Die Radikalität eines solchen Ansatzes erinnert stellenweise an die Radikalität der 1920er Jahre sowie der frühen 1970er Jahre. Gegen diese radikale Position in der Gegen- wart lässt sich z.B. mit Heimann (1980) einwenden (Böhnisch et al. 2005), dass darin die für die Mo- derne konstitutive Spannung zwischen ökonomi- schen und sozialen Interessen übergangen und die in dieser Spannung inzwischen immerhin erreichten Gestaltungen der Sozialpolitik und der Sozialen Ar- beit im Zeichen einer sozialen Demokratie unter- schlagen werden, so problematisch im Einzelnen und „unvollendet“ dieses Projekt ist. In diesem Sinn wird die gegebene Situation inter- pretiert (Böhnisch et al. 2005), wenn ihre Heraus- forderungen – auf der einen Seite – im Horizont des Projekts Sozialstaat als Grundprinzip der Mo- derne gesehen und – auf der anderen Seite – in den Gestaltungsaufgaben radikal neu ausgelegt werden: in Bezug auf die Frage der sozialen Gerechtigkeit als Zugangsgerechtigkeit, in Bezug auf Lebenswelt und Bewältigungsaufgaben sowie auf die daraus resultierenden Institutions- und Handlungsmuster und auf die Ressourcen der Bürgergesellschaft. Die Fundierung der Sozialen Arbeit in Gerechtig- keit wird im Spannungsfeld von Leistungsgerech- tigkeit und sozialer Gerechtigkeit in ihren unter- schiedlichen Formen neu bestimmt. Sie wird gestützt von der Frage, inwieweit das Prinzip von Anerkennung und das Fehlen von Anerkennung als Beschämung konstitutiv für die Theorie der Sozialen Arbeit sind (Bolay 2010, Schone- ville /Thole 2009). Soziale Arbeit wird offensiv ge- gen die neoliberale Dethematisierung der Sozialen Gerechtigkeit als Menschenrechts- oder Gerechtig- keitsprofession verstanden (Staub-Bernasconi 2006, Lob-Hüdepohl 2007). Die Begründung der Sozialen Arbeit im capability approach insistiert darauf, dass allen in der Gesellschaft die Vorausset- zungen – also die Kompetenzen und Ressour- cen – geschaffen werden müssen, die es erlauben, ihre Partizipationsmöglichkeiten in der Gesell- schaft wahrzunehmen (Otto / Ziegler 2010). Die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit gehen einher mit einer intensivierten Diskussion über Armut, soziale Ausgrenzung und Exklusion (Kessl et al. 2007). Die organisationellen, institutionellen und profes- sionellen Möglichkeiten der Sozialen Arbeit müs- sen den gesellschaftlichen Herausforderungen ent- sprechen. Dabei geht es zum einen um einen möglichst radikal unbefangenen Ausgang von der heutigen brüchigen und widersprüchlichen Le- benswirklichkeit der Adressat(inn)en. Menschen müssen lernen, das Leben in riskanten Offenheiten im Horizont von Unbestimmtheit und Unwissen- heit mit neuen Verbindlichkeiten zu vermitteln. Angesprochen wird hier zum anderen die selbst- kritische Frage nach den in den spezifischen Sys- temvoraussetzungen der Sozialen Arbeit befange- nen Definitionen von Kindheit, Jugend und Alter oder von Hilfs- und Erziehungsbedürftigkeit und deren Neubestimmung. Schließlich müssen sozial- pädagogische Angebote zwischen Flexibilisierung, Transparenz und Verlässlichkeit neu organisiert und strukturiert werden. Flexibilisierung in der Organisation der Sozialen Arbeit bedeutet auch, dass die Zuordnungen von Aufgaben und die institutionellen Abgrenzungen problematisch werden. In neuen Formen der Ko- operation zwischen der Sozialen Arbeit und der Kulturarbeit, der Schule und Ausbildung, der Me- dizin und Psychiatrie und der Justiz stehen Gestal- tungen der interdisziplinären Kooperation auf dem

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