Handbuch 5. Auflage
Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit 1751 Theorieprogramm, ebenso aber der theoretische Ausweis dessen, was das Spezifische der Sozialen Arbeit in diesen unterschiedlichen Arbeitsverbün- den ist. Ohne ein in solchen Öffnungen neu arti- kuliertes Selbstverständnis ist Soziale Arbeit gefähr- det, als Zusatz- und Ergänzungsleistung in die Arbeitsaufträge der anderen Institutionen hinein- genommen zu werden. Eine besondere theoretische Herausforderung liegt dabei in der Kooperation mit der Schule und im neuen Bildungsdiskurs. Hier ergeben sich Perspek- tiven, die das oben skizzierte Verhältnis von Sozia- ler Arbeit und Erziehungswissenschaft neu kon- kretisieren (Coelen /Otto 2008; Otto /Oelkers 2006; Otto / Rauschenbach 2008; Braun /Wetzel 2006). Bildung wird verstanden im Kontext des biografisch gesehenen lebenslangen Lernens und im Zusammenhang unterschiedlicher Lern- und Bildungserfahrungen in den unterschiedlichen Lernarrangements des informellen, des nonforma- lisierten und des formalisierten Lernens. Bildungs- geschichten können nur im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Lernzugänge gesehen und unter- stützt werden. Die Theorie der Sozialen Arbeit hat die Aufgabe, die spezifischen Zugänge, Leistungen und Aufgaben der Sozialen Arbeit in diesem Kon- text der allgemeinen Bildungstheorie zu verorten. Soziale Arbeit insistiert auf der Bedeutung der Ver- hältnisse und konkretisiert die hier liegenden poli- tischen Aufgaben ebenso wie die spezifischen Lern- aufgaben und Lernmöglichkeiten. Sie verfügt über Erfahrungen und Arbeitsansätze für marginalisierte gesellschaftliche Gruppen, in Feldern der Armut und Exklusion sowie in überforderten und auf be- sondere Unterstützung verwiesenen Lebenskon- stellationen (Thiersch 2005). Eine solche Verbin- dung der Diskurse der Sozialen Arbeit und der Bildung aber ist aktuell und prinzipiell prekär (Winkler 2006b): Soziale Arbeit muss sich gegen den dominierenden, an schulischen Qualifikatio- nen interessierten Bildungsdiskurs mit ihren eige- nen Zugängen durchsetzen und den Raum für eine Praxis ermöglichen, in der sie auch in ihren beson- deren Hilfen zur Lebensbewältigung, der Care und der Sozialraumorientierung gefordert ist. Schließlich: In der gegenwärtigen „entgrenzten“ Gesellschaft verwischen sich Unterschiede zwischen Alltagswissen und Wissenschaftswissen ebenso wie zwischen alltäglichen Lern- und Unterstützungs- leistungen und professionellen Angeboten. Die Frage nach dem professionellen und disziplinären Wissen der Sozialen Arbeit im Verhältnis zur eigen- sinnigen Logik von Alltagswissen stellt sich ebenso wie die nach dem Verhältnis von Intentionen und Strukturen der Alltagshilfe – in Familie, Nachbar- schaften, Vereinen – zu denen des professionellen Engagements. Im Horizont einer Vision, die als Bildungslandschaften und / oder Erziehungsland- schaften sowie als Kultur des Sozialen bezeichnet wird, wird die im Anschluss an Pestalozzi und Natorp entstandene Vorstellung von Sozialpädago- gik in neuer Form für unsere gesellschaftliche Si- tuation brisant. Immer wichtiger wird dabei das Zusammenspiel professionellen und nicht profes- sionellen Engagements, professionellen und nicht professionellen Wissens als Verbindung und Rela- tionierung unterschiedlicher und eigensinniger Zugänge in der Unterstützung der Bewältigungs- und Bildungsprozesse in der riskanten Moderne im Zeichen sozialer Gerechtigkeit. Darüber hinaus muss die derzeitige, primär auf den nationalen Diskurs bezogene und darin eingeengte Theoriediskussion in einem internationalen und transnationalen Kontext reflektiert werden. Not- wendig sind in diesem Kontext eine Aufarbeitung der internationalen Theorietraditionen der Sozia- len Arbeit, eine Auseinandersetzung mit theoreti- schen Bezügen in der jeweils spezifischen Theorie- und Forschungslandschaft sowie die Reflexion der Theorieentwicklungen in unterschiedlichen natio- nalen und sprachraumbezogenen Kontexten (Wendt 2008, Homfeldt et al. 2007; Otto / Ziegler 2010; Stauber et al. 2007). Solche Aspekte einer Theorie der Sozialen Arbeit, die auf Herausforderungen und Probleme der zweiten entgrenzten Moderne antwortet, können und müssen dazu beitragen, dass Soziale Arbeit sich ihres gesellschaftlich-sozialstaatlichen Auftrags und der Eigenheit ihres Ansatzes – also ihrer Iden- tität in einem sozialpädagogischen Denken (Böh- nisch / Schröer /Thiersch 2005) – in neuer Weise vergewissert. Eine solche theoretisch grundsätzliche Fundierung der Sozialen Arbeit ist v. a. auch des- halb notwendig, weil im Zug der gegenwärtigen gesellschaftlichen Tendenzen des Neoliberalismus und des Neokonservativismus Ansätze der Sozialen Arbeit gefährdet sind, ihrer eigentlichen Intention enteignet und entfremdet zu werden. Die der So- zialen Arbeit obliegende Pflicht zum Schutz von Kindern und Familien ist in Gefahr, von Kontroll-
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