Handbuch 5. Auflage

Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit 1757 Theorie der Sozialen Arbeit bestimmt ihren 2. Wissen- schaftscharakter vor dem Hintergrund der unter- schiedlichen Traditionen und der wissenschaftli- chen Bezüge, aus denen heraus sich Soziale Arbeit entwickelt hat. Sie diskutiert dabei auch ihre spezi- fische Identität imVerhältnis zu anderen Disziplinen und unter dem Aspekt der Interdisziplinarität (Füs- senhäuser 2005; Rauschenbach / Züchner 2005). Wie wichtig diese Klärung ist, zeigt sich in der Un- terschiedlichkeit gegenwärtiger Positionen, in de- nen sich ebenso theoretische Zugänge finden, die auf einem einzigen wissenschaftstheoretischen Zu- gang basieren (z.B. Staub-Bernasconi 2007; Hille- brandt 2005), wie auch Konzepte, die unterschied- liche Erkenntniszugänge miteinander vermitteln und Soziale Arbeit im Sinn einer Integrationswis- senschaft verstehen (z.B. Böhnisch 2005; Thiersch et al. 2005). Theorie der Sozialen Arbeit klärt das Verhältnis von 3. Theorie und Praxis, also die wissenssoziologische Frage nach der Differenz der unterschiedlichen Wissensformen in Theorie und Praxis , dem Diszip- lin- und Professionswissen und vor allem die Frage nach der Relationierung der unterschiedlichenWis- sensformen. Soziale Arbeit als Profession ist bezo- gen auf die Aufgaben der Praxis in der heutigen gesellschaftlichen Realität und ist an Wirksamkeit interessiert. Soziale Arbeit als Disziplin ermöglicht aufgrund ihrer relativen Distanz zum unmittel- baren Handlungsdruck der Praxis eine reflexive Analyse des Gegenstandsbereichs, und den Ent- wurf von alternativen Möglichkeiten. Sie zielt auf Wahrheit und Richtigkeit (Füssenhäuser 2005, 43f.). Theorie der Sozialen Arbeit erörtert die 4. gesell- schaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen heutiger Sozialer Arbeit. Hierin geht es ihr um eine Klärung der Position der Sozialen Arbeit im Hori- zont einer Theorie der Gesellschaft, in der sich die gesellschaftspolitischen Aspekte mit disziplin- bzw. professionspolitischen Diskursen verbinden. Sie diskutiert dabei auch die intermediäre Funktion der Sozialen Arbeit innerhalb des Sozialstaats und nach ihrem Ort im Gefüge der arbeitsteilig reali- sierten Sozial-, Bildungs- und Erziehungsangebote (Galuske 2002). Theorie der Sozialen Arbeit diskutiert die 5. Lebens- lagen und Lebensweisen der AdressatInnen und sieht diese auch im Kontext sozialer Probleme so- wie in der Spannung von Normalität und Abwei- chung. Sie fragt gleichzeitig danach, wie darin Un- terstützung, Hilfe und Bildungsaufgaben bestimmt werden können. Theorie der Sozialen Arbeit analysiert die 6. Organisa- tion und Institutionen der Sozialen Arbeit und die Ausdifferenzierung der Sozialen Arbeit in Institu- tionalisierungs- und Arbeitsprogrammen. Hierzu gehören z.B. auch das Verhältnis von administrati- vem und professionellem Handeln oder auch die Frage nach Qualität und professionellen Standards. Die Theorie Sozialer Arbeit zielt auf eine Konkreti- 7. sierung der professionellen Handlungsmuster der Sozialen Arbeit. Diese erfolgt im Horizont einer Analyse der allgemeinen Strukturen eines helfen- den, erziehenden, bildenden und unterstützenden Handelns in seiner Spannung von asymmetrischer und symmetrischer Kommunikation, in seiner Ver- bindung von Nähe, Stellvertretung und Distanz, in seinen strukturellen Widersprüchen oder Parado- xien. Diese Handlungsmuster müssen für unter- schiedliche Arbeitsfelder und unterschiedliche Set- tings und Handlungsformen differenziert werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch die Erörterung des spezifisch professionellen Handlungsprofils Sozialer Arbeit im Unterschied zu anderen pädagogischen oder therapeutischen Handlungsprofilen, vor allem aber zum nicht-pro- fessionellen Handeln (Spiegel v. 2004; Heiner 2004; 2010). Eine Theorie der Sozialen Arbeit sieht diese Frage auch im Wissen darum, dass heutiger Alltag zunehmend durchsetzt ist von so- zialwissenschaftlichen Wissensbeständen und ei- nem daraus resultierenden zunehmend kritischen Umgang mit fachlich professionellen Interventi- onsangeboten. In diesem Kontext ist die Spezifität professionellen Handelns auszuweisen und sowohl an dieWissensbestände Sozialer Arbeit als auch an die Praxis einer wissenschaftlich aufgeklärten Re- flexivität rückzubinden. Soziale Arbeit als Wissenschaft ist immer auch mit 8. ethischen Fragestellungen bzw. mit Normen und Werten konfrontiert. Insofern klärt sie die sozial- ethischen gesellschaftlichen Grundlagen ihres pro- fessionellen Handelns ebenso wie die in ihrer Pra- xis gegebenen, oft nicht ausdrücklich bewussten normativen Konzepte. Sie konkretisiert ethische Fragen in einer Berufsethik, die auch die Risiken und Gefährdungen des professionellen sozialarbei- terischen bzw. sozialpädagogischen Handelns klärt und die in den Institutionen repräsentierten nor- mativen Gegebenheiten.

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