Handbuch 5. Auflage
1758 Füssenhäuser In allen Dimensionen sind folgende Querschnitts- dimensionen mit zu denken: Soziale Arbeit ist ers- tens ein historisch konkretes und gesellschaftlich-so- ziales Produkt, sie ist von daher entwicklungsoffen und diskursiv angelegt. Von besonderer Bedeutung sind zweitens soziale Strukturkategorien , wie z. B. Alter, Ethnie, regionale Zugehörigkeiten sowie Gender, die systematisch weiter auszudeklinieren wären. Aufgabe einer Theorie der Sozialen Arbeit ist es also auch zu fragen, ob, in welcher Weise und mit welchen Konsequenzen eine Thematisierung der Geschlechterkategorie erfolgt oder unterbleibt, um sie so als grundlegende soziale Strukturkatego- rie der Sozialen Arbeit zu realisieren. Soziale Arbeit ist drittens verwiesen auf (empirisch gestützte) Forschung . Als moderne Sozialwissenschaft klärt sie dabei theoretisch wie empirisch die genuinen Fra- gestellungen der Disziplin wie Profession sowie die Wirkungen und unbeabsichtigten Nebenwirkun- gen professionellen Handelns (Miethe / Bock 2010, 9–13). Theoriepositionen Sozialer Arbeit Die im Folgenden dargestellten Diskurse haben in den vergangenen vier Jahrzehnten zur Theorie- bildung und Theoriesystematik der Sozialen Ar- beit entscheidend beigetragen, d. h. sie verfolg(t) en die Absicht, das Feld Sozialer Arbeit (oder in der jeweiligen Selbstbezeichnung der Sozialpäd agogik) im weiteren Sinn und auf unterschiedli- chen Ebenen theoretisch zu konturieren. Insofern stellen sie einen Beitrag zu einer theoretischen Fundierung der Sozialen Arbeit dar und waren bzw. sind Ausgangspunkt einer kritischen Aus- einandersetzung und Fachdebatte (Füssenhäu- ser /Thiersch 2005; May 2009; Thole 2005). Sie können deshalb als zentrale Markierungen einer sich zunehmend verwissenschaftlichenden Sozia- len Arbeit gelesen werden. Dennoch handelt es sich immer auch um eine exemplarische Darstel- lung, die Vielfalt der gegenwärtigen Entwicklun- gen und Zugänge darzustellen übersteigt jedoch diesen Beitrag. Bildungstheoretische und Diskursanalytische Positionen Bildungs- bzw. diskurstheoretische Positionen ver- weisen seit ihren Anfängen im Bildungsbegriff der Aufklärung auf die spannungsvolle Beziehung von Individuum und Gesellschaft und fragen darin nach der Bildung des Subjekts einerseits sowie nach der Beziehung von Gesellschaft und Privatheit an- dererseits (Sünker 2005, 227). In Klaus Mollenhauers Arbeiten spiegelt sich in ge- radezu exemplarischerWeise die Professionalisierung und Verwissenschaftlichung der universitären Sozi- alpädagogik in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahr- hunderts. Seine Arbeiten trugen sowohl zu einer Neuorientierung der allgemeinen Erziehungswis- senschaft wie auch der Sozialpädagogik bei. Mollen- hauer verknüpft das Bildungsinteresse der Heran- wachsenden im klassischen Sinn der Aufklärung sowohl mit dem Ziel der Emanzipation aus un- erkannten Abhängigkeiten als auch mit dem Ziel der Mündigkeit. Er versteht Emanzipation als Be- freiung des Subjekts aus Bedingungen, die seine Ra- tionalität und das mit ihr einhergehende Handeln beschränken (Mollenhauer 1971). Emanzipation als Selbstwerdung zielt auf (Selbst)Bildung. Das päd- agogisch zu verfolgende Ziel von Emanzipation und Mündigkeit des Subjekts setzt hierbei einen emanzi- pativen pädagogischen Umgang voraus. Pädago- gisches Handeln ist dabei stets als ein sowohl inter- subjektives als auch gesellschaftlich vermitteltes Handeln. Erziehung zielt deshalb sowohl auf die In- tegration in gegebene Verhältnisse als auch auf die Emanzipation von denselben. Erziehung erfolgt in unterschiedlichen sozialen Konstellationen: im per- sonalen Bezug sowie im pädagogischen Feld, d. h. sie (re)präsentiert sich auch in der Kultur. Mollenhauer gewinnt seine Überlegungen v. a. aus zwei Momenten: erstens aus der Öffnung zu den Sozialwissenschaften (vor allem zu interaktionisti- schen und kommunikationstheoretischen Kon- zepten). Zweitens führt ihn die Rezeption kritischer Theorieansätze aus dem Umfeld der Frankfurter Schule zum Entwurf einer gesellschaftskritischen, pädagogisch-emanzipativen Sozialpädagogik (Mol- lenhauer 1971; 1972). Die Eigenständigkeit der Sozialpädagogik sieht Mollenhauer in den Themen Armut, Ethnie bzw. Interkulturalität, Lebensphasen und Normalitäts- balancen – auch im Bezug der Generationen
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