Handbuch 5. Auflage

Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit 1759 zueinander (Mollenhauer 1998). In den 1990er Jahren arbeitet Mollenhauer zudem gemeinsam mit Uhlendorff an dem Konzept einer „sozialpädagogi- schen Diagnose“ (Mollenhauer/Uhlendorff 1992; 1995). Mollenhauers und Uhlendorffs sozialpäd­ agogischen Diagnosen zeigen in ihrer Verknüpfung von leibgebundenen bzw. ästhetischen Äußerungen von Individuen mit einem biografisch-narrativen Zugang ebenfalls einen hohen bildungstheoretischen Gehalt. Die von Mollenhauer immer wieder angesproche- nen Dimensionen der Repräsentation, Präsenta- tion, Bildsamkeit und Selbstbestimmung sowie der Identität illustrieren nicht nur die pädagogische Aufgabe der individuellen und gesamtgesellschaft- lichen kulturellen Entwicklung, sondern machen deutlich, wie eng Mollenhauer den – bereits in der Verbindung von Sozialpädagogik und Bildungs- theorie angelegten – Bezug der Sozialpädagogik zur Allgemeinen Erziehungswissenschaft versteht. Mollenhauer selbst nennt drei zentrale Themen seiner Arbeiten (Mollenhauer 1990, 203): die Frage der „Bildsamkeit“, die Selbsttätigkeit des In- dividuums sowie die Identitätsfrage, wobei letztere von ihm jedoch zugunsten des Themas Bildsam- keit aufgegeben wird. Die entscheidende Klammer seiner Überlegungen sind sein kulturtheoretisch akzentuiertes Interesse an der Klärung der Frage der Bildung von Subjektivität  – die er als Frage von (Selbst-)Bildungsprozessen formuliert –, die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesell- schaft sowie ein stetes Rekurrieren auf den Genera- tionen begriff, der sich auch bzw. gerade aus dem (sozio)kulturellen Kontext heraus begründet (Mol- lenhauer 1998). Bedenkenswert ist und bleibt sein Plädoyer für ei- nen erziehungs- und bildungstheoretischen Dis- kurs, der das Subjekt in den Vordergrund stellt. Erziehung und Bildung zählen zu den Grundbedin- gungen unserer Kultur, die nur um den Preis der- selben aufgegeben werden können (Winkler 2002, 10). Aus diesem Grund macht er immer wieder auf „vergessene Zusammenhänge“ aufmerksam. Winklers Zugang zu einer Theorie der Sozialpäd­ agogik bündelt sich im Begriff Diskurs . Gegen- stand von Theorie und damit zugleich auch Sach- struktur der Sozialpädagogik ist die „Grammatik des Diskurses“ (Winkler 1995a, 108). Vorausset- zung hierfür ist eine Beobachtung und Analyse des empirischen Diskurses der SozialpädagogIn- nen und wie sich dieser organisiert (Winkler 1994, 527). Begründet wird dieser Zugang mit der kommunikativen Struktur der Sozialpädago- gik, aufgrund derer sich sozialpädagogisches Han- deln an sich nicht beobachten lässt, sondern erst durch die Reflexion im Diskurs zum sozialpäd­ agogischen Handeln gerinnt. Theorie der Sozial- pädagogik muss von daher die zwei Ebenen der realen Gegenstandstheorie (als Beschreibung und Analyse der Voraussetzungen, Bedingungen, Strukturen, Funktionen und Grenzen) und der Analyse der reflexiven Durcharbeitung dieser Ele- mente im Sinne der sozialen Konstruktion leisten (Winkler 1995a, 109). Anders formuliert: Theo- rie der Sozialpädagogik braucht die Konstitution einer einheitlichen Gegenstandsauffassung, einen „paradigmatischen, semantischen und epistemo- logischen Kern“ (Winkler 2007, 66). Entspre- chend folgen Theorie und Praxis ihrer eigenen Logik und verweisen auf eine spezifische Dig- nität. Winkler plädiert also für eine disziplinäre Selbstvergewisserung der Sozialpädagogik bzw. der Sozialen Arbeit. Aufgabe von Theorie ist der Anschluss empirischer Befunde und Fragen an einen historisch-systematisch orientierten Er- kenntniszusammenhang bzw. die Herstellung ei- nes Bezugs zu bereits angeführten Einsichten und Erkenntnissen. Sozialpädagogik ist gleichzeitig „reflexiv gesteuerte Praxis in einem gesellschaftlich ausdifferenzierten Bereich“ (Winkler 1995b, 171). Sie ist eine Instanz der modernen Gesellschaft zur Bearbeitung von Reproduktionsproblemen. D. h. sie verweist so- wohl auf die Gesellschaft wie auch auf sich selbst (Winkler 1995b). Im Kontext ihrer zunehmenden Normalisierung hat die Sozialpädagogik ihre Funk- tion und Aufgaben erweitert. Wichtig ist sowohl die Aufgabe der gesellschaftlichen Integration als auch eine präventiv gestaltungsbezogene Funk- tion – hier trägt sie zur Herstellung einer sozialen Infrastruktur bei (Winkler 1995b, 173). Aufgrund dieser Entwicklung positioniert sich die Sozialpäd­ agogik immer mehr im Kern der Gesellschaft. Modernisierungsprozesse bewirken somit nicht nur eine Normalisierung, sondern auch einen Wandel der Sozialpädagogik: vom Sozialpolitischen zum Pädagogischen (Winkler 1992). Diese Ent- wicklung beinhaltet aber auch das Risiko des Ver- lusts ihrer Identität. Notwendig wird deshalb eine (Re)-Politisierung der Sozialpädagogik im Sinne

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=