Handbuch 5. Auflage

1760 Füssenhäuser  einer Rückgewinnung eines Verständnisses der ei- genen gesellschaftlichen Funktion (Winkler 1995b, 183). Zentral für Winklers theoretischen Zugang sind die beiden Begriffe des Subjekts und des Ortes bzw. des Raumes. Der Begriff Subjekt macht deutlich, dass die Sozialpädagogik stets mit Menschen zu tun hat, die in einer „selbsttätig hergestellten, durch Handlungen verwirklichten Beziehung zu ihrer Umwelt stehen und sich in dieser Beziehung verändern können“ (Winkler 1995a, 114). In der Moderne ergibt sich für die Sozialpädagogik hie- raus die prekäre Situation, dass sie zunehmend aus sich selbst heraus „gesellschaftsfähige und zugleich freie Subjekte erzeugen“ muss (Winkler 1995b, 176). Sie erhält so gewissermaßen allgemeinpäd­ agogische Aufgaben: „Die Subjekte müssen durch Pädagogik als soziale Subjekte synthetisiert wer- den – weil moderne Gesellschaften ihre sozialisato- rische Kraft verlieren“ (Winkler 1995b, 176). Ebenso bedeutsam ist die von Winkler intendierte Aufwertung des Moments des Raumes . Sozialpäd­ agogik zielt darauf, für Menschen Lebensbedin- gungen zu schaffen, die nicht nur Existenzsiche- rung versprechen, sondern darüber hinaus in der Erschließung von Lebensräumen, Lern- und Ent- wicklungsmöglichkeiten eröffnen (Winkler 1988). Sozialpädagogisches Handeln ist somit dadurch charakterisiert, dass es in sich die Herstellung und Bereitstellung von Orten realisiert, an denen für die Subjekte Lebens- und somit auch Bildungspro- zesse möglich werden. Hierzu gehört auch, dass dem Einzelnen ein Raum der Verlässlichkeit und Sicherheit geboten wird (Winkler 1988, 280). (So- zial-)Pädagogische Orte können so Anregungs- und Aufforderungsstrukturen zur Veränderung schaffen, nicht aber die Veränderung selbst. Lebenswelt- und bewältigungsorientierte Positionen Der soziografische Begriff des Milieus wurzelt im Theoriezusammenhang des Lebensweltparadigmas und verweist deutlicher auf den sozialen Nahraum. Der Begriff der Lebenswelt verweist – zumindest im Anschluss an Schütz (1974) – auf ihre räumli- che, zeitliche und soziale Strukturiertheit, damit auf ihre tendenzielle Offenheit und Unbestimmt- heit. Unter Milieu werden hingegen intersubjektive und emotional hoch besetzte biografische und räumliche Erfahrungen verstanden (Böhnisch 2004, 436 f.). Die Alltags- und / oder Lebensweltorientierung ist ein für die sozialpädagogische Theorieentwick- lung wie für die Praxis sozialer Arbeit wichtiger und kritischer Zugang. Er insistiert auf den Bezug zu menschlichen Erfahrungen und Praxis und hat seit den 1970er Jahren Verständnis und Entwick- lung der Sozialen Arbeit maßgeblichmitbestimmt. Thiersch selbst versteht die Lebensweltorientie- rung als eine mögliche Fokussierung Sozialer Ar- beit. Alltags- und Lebensweltorientierung fragt nach dem subjektiven Eigensinn von Selbstdeutungen und Handlungsmustern im Alltag, nach der Ganzheitlichkeit, in der Menschen sich vorfin- den, und nach den darin eingelagerten Bewälti- gungsmustern in der Ambivalenz von Offenheit und Routinen. Die Alltags- und Lebensweltorien- tierung bearbeitet Schwierigkeiten und Probleme in der Komplexität des Alltags. Gleichzeitig agiert sie aber auch provozierend und verfremdend, um Individuen aus den Verstrickungen des Alltags herauszubegleiten. Mit diesem Zugang kritisiert das Konzept der Lebensweltorientierung einer- seits die gegebenen gesellschaftlichen wie institu- tionellen Strukturen, andererseits entwirft es selbst in die Alltagsverhältnisse der AdressatInnen Sozialer Arbeit hineinreichende, institutionelle wie professionelle (Handlungs-)Muster. Lebens- weltlich zu arbeiten heißt insofern, auf die in der Lebenswelt befindlichen Probleme von Menschen einzugehen und gemeinsam mit ihnen eine „Vi- sion“ gelingenderen Lebens zu entwickeln und zu unterstützen (Füssenhäuser 2006). Begriffe wie Alltag, Alltäglichkeit, Alltags- und Le- benswelt(en) verbinden sich mit unterschiedlichen Konnotationen und verweisen auf unterschiedliche wissenschaftstheoretische Bezugsdiskurse. Für das Konzept der Lebensweltorientierung ist der Begriff Alltäglichkeit zentral. Mit diesem Begriff beschreibt Thiersch zum einen ein generelles Verstehens- und Handlungsmuster im Alltag; zum anderen verweist er auf konkrete Lebensfelder, d. h. auf Alltagswelten , in denen Alltäglichkeit gelebt wird. Lebensweltorientierung ist ein sowohl beschrei- bender als auch ein normativer Zugang und zielt auf einen gelingenderen Alltag (Grunwald /Thiersch 2005). Das kritische Potenzial des Konzepts wird

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