Handbuch 5. Auflage
Berufs- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit 177 gelöst und einige Jahre später in Fachhochschul- studiengänge umgewandelt wurden sowie schließ- lich Anfang der 1970er Jahre der neu eingeführte Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft mit seinem am stärksten nachgefragten Studienschwer- punkt Sozialpädagogik. a. Von der Kindergärtnerin zum / zur Erzieher / -in : Die Wurzeln der heutigen Ausbildungen im Feld der Sozialen Arbeit reichen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Als Vorläufer der heutigen Kindertageseinrichtungen wurden im Zuge der Industrialisierung Kinderbewahranstal- ten, Kleinkindschulen und Kindergärten einge- richtet. Mit diesen ersten privaten, zumeist christ- lich orientierten Aktivitäten zwischen 1830 und 1850 lassen sich Namen wie Julius Fölsing, Theo- dor Fliedner und vor allem Friedrich Fröbel in Ver- bindung bringen, der im engeren Sinne als der „Erfinder“ des Kindergartens bezeichnet werden kann (Erning et al. 1987). In diesem Kontext ent- standen erste Ausbildungen, von denen insbeson- dere die Kindergärtnerinnenausbildung im An- schluss an Fröbel zum entscheidenden Vorläufer der heutigen Erzieher(innen)ausbildung werden sollte. Es dauerte allerdings noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts, bis sich dieses Qualifikati- onsprofil – vor allem über den 1873 gegründeten Pestalozzi-Fröbel-Verband und aufgrund des Wir- kens von Henriette Schrader-Breymann – so stabi- lisierte und verbreitete, dass sich auch der Staat dieser Ausbildung zuwandte (zur Geschichte der Kleinkinderbetreuung und der Erzieher(innen) ausbildung v. Derschau 1976; Gary 1995; Metzin- ger 1993; Nagel 2000). Erst die Reformen vor al- lem in den 1960er Jahren führten dann zu der heutigen Ausbildung des Erziehers und der Erzie- herin (Rauschenbach et al. 1995). b. Die Heimerzieherausbildung : Nahezu zeitgleich zu den Anfängen im frühkindlichen Bereich grün- dete Johann Hinrich Wichern 1833 in Hamburg das „Rauhe Haus“, eine protestantisch geprägte Einrichtung für schwierige Jugendliche, in der er zugleich ein „Gehilfeninstitut“ (später „Brüder- institut“ genannt) einrichtete, um so erstmalig männliche Erzieher (später „Diakone“ genannt) auf christlich-religiöser Grundlage für die Arbeit mit schwierigen Jugendlichen vorzubereiten (Nie- meyer 1999, 48). In dieser Tradition der konfessio- nellen Aktivitäten im Rahmen der Anstaltsarbeit kann nicht nur der Beginn der diakonischen Aus- bildung, sondern auch der – konfessionell gepräg- ten – Heimerzieherausbildung und des Engage- ments der Kirchen bzw. der kirchennahen Vereinigungen für die Ausbildungen des Sozialwe- sens gesehen werden. Was die spezielle Form der Heimerzieherausbildung anbelangt, so gab es lange Zeit nur diese nichtstaatliche kirchliche Tradition, die erst in den 1950er Jahren des letzten Jahrhun- derts mit „staatlichem Segen“ versehen wurde. Die beiden beschriebenen Traditionen – die kon- fessionelle Variante in der Heimerziehung einer- seits sowie die eher überkonfessionellen Aktivitäten bei Fröbel und seinen Nachfolgerinnen in der Frühpädagogik andererseits (es gab allerdings auch in diesem Bereich kirchliche Traditionen; Gary 1995) – stellen die Anfänge einer Qualifizierung im Bereich der sozialen Berufe dar. Nichtsdesto- trotz waren dies Qualifizierungsbemühungen, de- nen der Staat lange Zeit – z.T. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein – indifferent, d. h. abwar- tend bis gleichgültig gegenüberstand. Dies änderte sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus ist die eigenständige, hier nicht weiter verfolgte Entwicklung in der DDR zu er- wähnen. Trotz einer distanzierten Haltung gegen- über traditioneller Sozialarbeit entwickelten sich in der DDR eine ganze Reihe von Erzieherinnen- und Fürsorgerinnenberufe: Kindergärtnerin, Heim- erzieherin, Horterzieherin, Gesundheitsfürsorgerin, Sozialfürsorgerin oder Jugendfürsorgerin waren al- les Ausbildungen, die direkt für ein bestimmtes pädagogisches Arbeitsfeld qualifizierten (Kunstreich 1998). Dieses Ausbildungswesen wurde mit der Vereinigung abgeschafft und die noch zu Zeiten der DDR Qualifizierten mussten den vielfach als un- gerecht empfundenen Prozess einer Anpassungs- qualifizierung an das westdeutsche System durch- laufen (Galuske /Rauschenbach 1994). Etablierung und staatliche Anerkennung der Ausbildungen Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traten die sozialen Berufe in eine erste Phase der Etablierung ein. Ein Eckpfeiler dieser Phase der Implementation war ganz unübersehbar die Gründung der sozialen Frauenschulen mit ihrer Qualifikation zur Fürsor- gerin und den sich daran anschließenden ersten staatlichen Anerkennungen dieser Ausbildungen.
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