Handbuch 5. Auflage

Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit 1761 dabei v. a. im, zu den beiden Polen des Individu- ums und der Gesellschaft offenen, Begriff des All- tags deutlich. Alltag verweist sowohl auf konkrete Lebensverhältnisse als auch auf real bestehende Produktionsverhältnisse und zeigt die gesellschaft- liche Vermitteltheit von Individuen auf. Die Lebensweltorientierung verknüpft in ihrer theo- retischen Analyse und ihrer kritischen Reflexion von der Praxis Sozialer Arbeit sowohl hermeneutisch- pragmatische als auch kritische Theorietraditionen. Sie versteht sich als eine empirisch gewendete und sozialwissenschaftlich angereicherte hermeneutisch- pragmatische Pädagogik. Sie ist charakterisiert durch eine immer auch kritisch-emanzipative Bewegung sowie ein normativ bzw. moralisch aufgeladenes In- sistieren auf ein Verständnis von Sozialer Arbeit als Repräsentation von sozialer Gerechtigkeit (Grun- wald/Thiersch 2005). Eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit agiert in der Dimension der erfahrenen Zeit , in der Dimen- sion des (sozialen) Raumes sowie in den gegebenen sozialen Bezügen in ihrer strukturellen Ambivalenz (Thiersch et al. 2005, 172 f.). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit orientiert sich an den Subjekten in ihren Verhältnissen und zielt auf Selbsthilfe und Empowerment. Ihre kritische Orientierung sowohl im Blick institutioneller Ausgestaltung sozialer Ar- beit als auch dem professionellen Handeln Sozialer Arbeit wird in den Struktur- und Handlungsmaxi- men der Prävention, der Regionalisierung, der Niedrigschwelligkeit, der Integration sowie der Partizipation deutlich (BMJFFG 1990; Thiersch et al. 2005, 173 f.). Diese sind im Blick auf die unter- schiedlichen Handlungsfelder Sozialer Arbeit noch weiter zu konkretisieren und führen insgesamt zu einer veränderten Ausgestaltung der Institutionen Sozialer Arbeit: einer Verschiebung hin zu präven- tiven und ambulanten Hilfen und einem starken Interesse an Infrastrukturpolitik. Professionelles Handeln ist vor diesem Hintergrund zu verstehen als „strukturierte Offenheit“ (Thiersch 2002, 203 ff.) und reflexive Kompetenz. Insgesamt interessiert sich die Lebensweltorientie- rung stark für Fragen und Interessen der Praxis und zielt auf die Rekonstruktion der alltäglichen Le- bensmuster. Trotz oder gerade aufgrund seines Er- folgs in der Praxis ist es notwendig, das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit gegen eine Verkürzung und Fehlinterpretation weiter zu denken, um die in ihr angelegte dialektische Span- nung und kritische Intention nicht zu übergehen. Im Anschluss an die Lebensweltorientierung wird der Lebensbewältigungsansatz bzw. die Bewälti- gungsorientierung von ihrem Hauptvertreter Lo- thar Böhnisch als Kritik und als Weiterführung der Lebensweltorientierung verstanden. Die Bewälti- gungsorientierung verknüpft sozialpolitische Tra- ditionen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts (Mennicke; Durkheim) mit einer Analyse der Struktur von modernen Gesellschaften (Digitaler Kapitalismus) und weist Bezüge zur Lebenswelt- orientierung auf. Böhnisch versteht im Anschluss an Siegfried Bern- feld Soziale Arbeit als eine „gesellschaftliche Re- aktion auf die Bewältigungstatsache“ (Bernfeld 1925, 49). Soziale Arbeit ist die Antwort auf cha- rakteristische psychosoziale Probleme der Lebens- bewältigung. Diese wiederum entstanden aufgrund der gesellschaftlich hervorgerufenen sozialen Des- integration im Anschluss an die Industrialisierung, die damit einhergehende kapitalistische Gesell- schaftsstruktur und anomische gesellschaftliche Grundstruktur. Böhnisch zufolge schärft das Kon- zept der Anomie  – als Entkopplung von System- und Sozialintegration – den Blick für spezifische nachmoderne gesellschaftliche Risiken (z. B. in den Bereichen Arbeit, Bildung, Generationen- und Ge- schlechterverhältnis und Armut) (Böhnisch 2005). Die Bewältigungsleistung der Menschen tritt ange- sichts der neuen Aufgaben, ihre Identitäten und Visionen, ihre Vergangenheiten und Zukunftsper- spektiven neu zu entwerfen, auszuarbeiten, zu ver- flechten und zu kombinieren, an ihre Grenzen. Da die gesellschaftliche Bedingtheit dieser Dauerkrise nicht aufhebbar ist, müssen ihre Folgen für und mit den Einzelnen bearbeitet werden: Hier wird die Pädagogik zum Mittel der Wahl (Böhnisch 1999; 2005). Soziale Arbeit in diesem Sinn ist aber mehr als die lebensweltlich gewendete Seite der Sozialpolitik: Sie hat genuin eigenständige Auf- gaben. Die Eigenständigkeit der Sozialpädagogik zeigt sich „im Eingehen auf die sozial beschädigte Individualität des Menschen und Neuformierung seiner sozialen Bezüge“ (Böhnisch 1999, 262). So- zialpolitik richtet sich auf den Aspekt der System- integration, wohingegen Soziale Arbeit sich auf Fragen der Sozialintegration konzentriert. Für den Lebensbewältigungsansatz sind das theo- retische Konstrukt der Lebenslage als gesellschaftlich

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