Handbuch 5. Auflage

1762 Füssenhäuser  und sozialstaatlich präformierende Strukturvorgabe und der Lebensweise als subjektive Bewältigungsleis- tung in Deutungs- und Handlungsmustern zentraler Bezugspunkt. Gerade indem Soziale Arbeit die Le- benslage von Individuen als Bezugspunkt wählt, stellt sie gesellschaftlich-strukturelle Vorgaben, wie sie z.B. im Konzept der Normalisierung deutlich werden, in Frage (Böhnisch 1994). Hier verbinden sich strukturelle und biografische Aspekte. Der Le- bensbewältigungsansatz zeigt die Dialektik und Notwendigkeit Sozialer Arbeit als biografische Un- terstützung Einzelner. Sie ist also pädagogische Auf- gabe einerseits sowie soziale Gestaltungsaufgabe an- dererseits. Aus diesem dialektischen Verständnis heraus entwickelt Böhnisch (1997) seine Über- legungen zu einer Sozialpädagogik der Lebensalter und der darauf bezogenen unterschiedlichen Ent- wicklungs- und Bewältigungsaufgaben. Professionelles Handeln im Sinne einer Sozialpäd­ agogik als unverzichtbare Reaktion auf die moderne Bewältigungstatsache erfordert unterschiedliche Zugänge und Zielsetzungen: Aufgabe Sozialer Ar- beit ist es, Menschen in kritischen Problemkon- stellationen so zu unterstützen, dass sie ihre psycho- soziale Handlungsfähigkeit und soziale Orientierung wiedererlangen und neue soziale Bezüge aufbauen können (Böhnisch 1997; 2005). Die Option der Wiedererlangung sozialer Handlungsfähigkeit ba- siert auf vier Dimensionen: Erfahrung des Selbst- wertverlusts, Erfahrung der sozialen Orientierungs- losigkeit, die Erfahrung des fehlenden sozialen Rückhalts sowie die Sehnsucht nach Normalisie- rung. Diese vier Grunddimensionen sind mit- einander verbunden und sind abhängig vom Lebensalter unterschiedlich bedeutsam bzw. auf- einander bezogen (Böhnisch 1997). Vor diesem Hintergrund zielt die Soziale Arbeit sowohl auf Milieubildung (als Inszenierung von Chancen zur Aneignung und Gestaltung von Lebensräumen) als auch auf Empowerment (im Sinne einer Unterstüt- zung der Selbstzuständigkeit von Menschen in ih- ren Aufgaben der Lebensgestaltung). Systemtheoretische und system(ist)ische Zugänge Obwohl der Begriff des Systems sowohl in der dis- ziplinären Debatte als auch im professionellen Dis- kurs vielfältig gebraucht wird, fällt auf, dass eine ausgearbeitete Systemtheorie Sozialer Arbeit bis- lang nicht aufzufinden ist, obwohl sich system- theoretische Positionen seit den 1990er Jahren stark verbreitet haben. Der Begriff Systemtheorie bleibt ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Be- deutungen und Analyseebenen (Luhmann 1984). Dabei lassen sich – neben vielfältigen anderen Po- sitionierungen – v. a. drei Hauptrichtungen unter- scheiden: der Ontologische Systemismus nach Mario Bunge (Staub-Bernasconi), Überlegungen, die Soziale Arbeit im Anschluss an die funktionale Systemtheorie Niklas Luhmanns zu fundieren (Merten; Hillebrandt) sowie den Radikalen Kon- struktivismus (Kleve). Der Entwurf einer systemistisch-prozessualen So- zialen Arbeit von Silvia Staub-Bernasconi schließt an Menschen- und Frauenrechts-Diskurse im Kontext des amerikanischen Social Work und an das systemische Paradigma (Staub-Bernasconi 2007, 160 ff.) an. Die systemistisch-prozessuale Soziale Arbeit zielt somit auf einen einheitlichen, sowohl disziplinär als auch professionell gebunde- nen Entwurf einer Theorie der Sozialen Arbeit. Theorie zielt dabei sowohl auf eine Beschreibung sozialer Problemdimensionen als auch auf deren Verknüpfung mit spezifischen Wissensbeständen und problembezogenen Arbeitsweisen  – Ressour- cenerschließung, Bewusstseinsbildung, Modell-, Identitäts- und Kulturveränderung, Handlungs- kompetenz-Training, Soziale Vernetzung, Um- gang mit Machtquellen und -strukturen, Kriterien und Öffentlichkeitsarbeit und Sozialmanagement (Staub-Bernasconi 2007, 271–286). Soziale Ar- beit hat dabei immer auch eine kritische Funk- tion, sie insistiert auf die Durchsetzung von Be- grenzungsmacht und Regeln, um Gerechtigkeit und Teilhabe zu ermöglichen (Staub-Bernasconi 2007, 375–389). Innerhalb eines solchen systemistischen Paradig- mas werden Menschen als psychobiologische Sys- teme verstanden, die bewusstseinsfähig sind und Bedürfnisse haben (Staub-Bernasconi 2007, 170). Soziale Arbeit schließt an diesen Ausgangspunkt an und setzt ihn unter komplexen gesellschaftli- chen Bedingungen um. Ob und inwiefern Be- dürfnisse reguliert und aufrechterhalten werden können, ist abhängig von den gegebenen Ressour- cen und den individuellen Fähigkeiten der Einzel- nen (Staub-Bernasconi 2007, 171–174). Vor die- sem Hintergrund lässt sich die Soziale Arbeit als

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=