Handbuch 5. Auflage
Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit 1763 zentrale Antwort auf soziale Probleme beschreiben. Diese sind der Gegenstandsbereich im engeren Sinn einer Theorie Sozialer Arbeit. Soziale Pro- bleme sind „sowohl Probleme von Individuen als auch Probleme einer Sozialstruktur und Kultur in ihrer Beziehung zueinander“ (Staub-Bernasconi 2007, 182). Unterschieden werden dabei: Aus- stattungsprobleme (u. a. Krankheit, Behinderung, sozioökonomische Ausstattung, Erkenntniskom- petenzen), Austauschprobleme (u. a. unfairer Tausch von Gütern, Verständigungsbarrieren) sowie soziale Machtprobleme. Soziale Machtprobleme finden sich sowohl auf der individuellen Ebene als Probleme der Machtlosigkeit (u.a. Körper als Machtquelle, sozioökonomische Ausstattung als Machtquelle) als auch auf der Ebene sozialer Sys- teme als Probleme der Ressourcenverteilung, Sozial- beziehungsweise Machtstruktur und Kultur (u.a. Normen, Kontrolle) (Staub-Bernasconi 2007, 180– 189). Staub-Bernasconi versteht ihre Überlegungen nicht als ein neues Paradigma, als Alternative z. B. zu ei- ner lebensweltorientierten, dienstleistungsorien- tierten oder ökologischen Sozialen Arbeit, sondern als Metatheorie , die in der Lage ist, die Vorstellun- gen über Individuen und ihre Lebenswelt, über Gesellschaft, Alltag, ökologische und soziale Pro- bleme im Sinne von Teiltheorien zu steuern bzw. zu kritisieren (Staub-Bernasconi 2005; Staub-Ber- nasconi 2007). Hingegen beschreiben VertreterInnen einer Sozia- len Arbeit im Anschluss an die funktionale System- theorie von Niklas Luhmann Soziale Arbeit als einen spezifischen gesellschaftlichen Problemzusammen- hang bzw. ein gesellschaftliches Teil- bzw. Funktions- system . Im Mittelpunkt steht dabei i.d.R. nicht die Frage der Gegenstandsbestimmung Sozialer Arbeit, sondern die Frage, wie Soziale Arbeit kommunika- tiv beobachtet wird und auf sich selbst referiert. Vor diesem Hintergrund besteht bei unterschiedli- chen VertreterInnen weitgehend Einigkeit, dass in modernen differenzierten Gesellschaften Hilfe bzw. Soziale Arbeit primär als Hilfe zur Exklusionsver- meidung und Eklusionsverwaltung beschrieben werden kann (Baecker 1994; Bommes / Scherr 1996; Hillebrandt 2005). Die soziale Konstruktion von Hilfebedürftigkeit (Bommes / Scherr 1996) wird dabei in Bezug zu Luhmanns Theorie funk- tionaler Systeme und dabei insbesondere seiner Frage nach Exklusions- und Inklusionsmechanismen in modernen, differenzierten Gesellschaften ge- bracht. D. h. Soziale Arbeit wird in einem soziolo- gisch und gesellschaftstheoretisch rückgebunden Begriff der Hilfe bestimmt. Hillebrandt verweist vor diesem Hintergrund auf vier zentrale Aspekte, die mit einer systemtheoretischen Bestimmung Sozialer Arbeit einhergehen (Hillebrandt 2005, 223 f.): Soziale Arbeit ist erstens in einer funktional diffe- ■ ■ renzierten Gesellschaft autonom aufgrund ihrer operativen Geschlossenheit. Sie übernimmt zweitens die Funktion der ■ ■ stellver- tretenden Inklusion bzw. Daseinsnachsorge. Drittens wird in einer modernen Gesellschaft qua- ■ ■ litativ wie quantitativ mehr Hilfe geleistet als in vormodernen Gesellschaften. Hilfe wird zu einer erwartbaren und über einen binären Code organi- sierten Leistung. Dieser wird jedoch unterschied- lich beschrieben: So nennenWeber und Hillebrandt bedürftig / nicht-bedürftig, Merten im Anschluss an Merten helfen / nicht-helfen und Fuchs spricht von Fall / Nicht-Fall (Merten 2005, 45). Viertens: Soziale Arbeit bzw. Hilfe ist zwar selbst- ■ ■ referentiell organisiert, sie ist jedoch durch struktu- relle Kopplung auch mit ihrer Umwelt verknüpft. Die funktionale Analyse macht deutlich, dass für eine moderne Gesellschaft eine fachlich fundierte und professionelle Soziale Arbeit unverzichtbar ist. Sie entkleidet zudem die Soziale Arbeit ihres ideo- logischen Überbaus und beharrt auf den Anspruch auf Hilfe und Daseinsnachsorge. Soziale Arbeit bzw. Hilfe wird so erwartbar und entmoralisiert. Konstruktivistische Positionen gehen davon aus, „dass es (für uns) keine von der Beobachtung un- abhängige Welt gibt“ (Kleve 2005, 63). Aus kon- struktivistischer Sicht ist zudem die Frage „nach dem Primat von Bewusstsein oder Materie“ nicht eindeutig klärbar (Kleve 2005, 65). Vor diesem Hintergrund sind für konstruktivistische Zugänge Differenzen wie z. B. die Differenz System – Um- welt unverzichtbar. Systeme sind insofern auf eine Umwelt verwiesen, können diese jedoch nur in ei- ner selbst entwickelten Erscheinungsweise kon- struieren. Für die Soziale Arbeit ergeben sich aus einem solchen systemtheoretischen Konstruktivismus heraus insbesondere folgende sechs Überlegungen (Kleve 2005, 85–90): Soziale Arbeit erfordert eine
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